Was für ein Segen muss das sein, nie wieder aufzuwachen; und was für ein Fluch, es doch zu tun und noch immer unter Menschen zu sein.
2021/08/05
Was für ein Segen muss das sein, nie wieder aufzuwachen; und was für ein Fluch, es doch zu tun und noch immer unter Menschen zu sein.
2021/08/05
Geister haben keine großen Hände, habe ich mir kürzlich gedacht. Allein unterwegs, eine Hand locker am Steuer, die andere ruhte in meinem Schoß, bin ich durch die Nacht geschossen. In jede Kurve zu schnell hineingefahren, habe ich auf das Quietschen meiner Reifen gewartet. Als es dann schließlich regnete, Starkregen, die Straße ein einziger Fluss, kaum noch Sicht, da hatte ich gelacht. Gelacht, in die Nacht hinein. Es ist seltsam, dass mich noch immer keiner totgefahren hat. Nicht einmal mir selbst ist das gelungen. Noch nicht zumindest.
Große Hände kann ich mein Eigen nennen. Ich muss sagen, sie kommen mir viel zu groß dafür vor, dass ich zu den Menschen gehöre, die ihre Hände nie nach einem anderen ausstrecken werden. Ehrlich gesagt, alles an mir ist zu viel für einen, der lieber nichts wäre. Und Gesichter, haben Geister überhaupt Gesichter? …
Wie befremdlich die Vorstellung, dass man das, was man fühlt und denkt, auch zu einem anderen Menschen sagen könnte.
2021/08/04
Dass ich nie wusste, wo ich nun hingehöre – nicht einmal an einen konkreten Ort denkend, sondern schon allein an der Frage, ob nun Stadt oder Land, scheiternd – hat sich auch heute nicht geändert. Doch immerhin weiß ich nun, dass sie mir tatsächlich fehlt – die Stadt. Und das, obwohl ich doch eigentlich immer nur versucht hatte, möglichst schnell und spurlos durch die Menschen hindurch zu gelangen. Zu einem der wenigen Orte, an denen wir zwar vereinzelt aufeinandertreffen und doch die Stille überwiegt. Aber es ist eben auch wahr, dass ich kaum eine Nacht verbracht hatte, in der nicht eines meiner Fenster offengestanden hätte. Ich wollte sie hören, die vereinzelten Stadtgeräusche. Ich glaube, ich mochte den Kontrast, aus lautem, ständigem Geräusch am Tag; und der Stille in der Nacht.
Einzig in der Stadt kann ich ein Leben lang der …
Ich werde das alles aus mir herausschneiden. Man wird nicht wissen, was dieses „das“ gewesen ist. Aber das wird auch nicht wichtig sein. Wichtig ist allein, dass ich es gewusst hatte. Und das hatte ich, immer. Und wenn ich dann noch könnte – ich würde lächeln. Darüber, dass mir dieses Geheimnis immer bleiben wird.
2021/07/31
Ich habe heute jemanden gesehen. Es ist lange her, dass mir das passierte. Vielleicht vor etwa einem Jahr? Als sie aufbrach, nach viel zu kurzer Zeit, verfing sich ein Lächeln in ihrem Gesicht. Auch ich lächelte, aus der Musik hinaus. Ich hätte etwas sagen sollen, sagen müssen. Vielleicht: „Gehst Du schon?“. So, als hätten wir uns tatsächlich gekannt, wären immer gute Freunde gewesen. Doch stattdessen schwieg ich, ich weiß nicht einmal wieso. Vielleicht, weil es mir nicht eingefallen war. So, wie mir leider nie etwas einfällt, wenn es an der Zeit wäre. Ich fürchte, wir werden uns nicht wiedersehen. Wenn wir doch nur mehr Zeit gehabt hätten. Ein paar Wochen wenigstens, vielleicht auch Monate. Ich wartete noch; auf dass man zurückkommen würde. Aber man tat es nicht, hat man nie, wird man nie. Es tut in der Seele weh. …
Ein Sommergewitter zog heute am späten Abend heran. Spüren konnte ich es, schon lange vor seiner Ankunft. In Shorts setzte ich mich vor meiner Unterkunft in den verlassenen Laubengang, sah gespannt in den Himmel hinauf. Der warme Wind umspielte mich, erste Blitze leuchteten im Westen auf, immer dunkler wurde es um mich herum. Schließlich, die ersten Tropfen, die nass und kühl auf meine nackte Haut trafen. Was für ein Schauspiel! Das Zucken der Blitze, der immer stärker werdende, bedrohliche Wind. Und erst der Donner, absolut gewaltig! Als der Regen in ein starkes Prasseln überging, mich zu durchnässen begann, zog ich mich zurück. Niemand war vorübergekommen in diesen Minuten. Ein Gedanke: Dass der einsamste Ort der Welt überall sein kann. Wenn ich je einen Wunsch frei gehabt hätte, das wäre es gewesen. Einmal ein Sommergewitter gemeinsam erleben. Gleich, ob unterwegs in …
Abends, wenn ich auf der Eisernen stehe, Fluss und Stadt unter wie vor mir, gebe ich an manchen Tagen nur vor mir den Sonnenuntergang anzusehen. Viel lieber betrachte ich still die zahllosen Menschen, die da an mir vorübereilen. Auf Rädern, und zu Fuß. Meist zu zweit, manchmal zu mehrt – und selten, ganz selten auch alleine. Ich betrachte sie ungestört, für die wenigen Sekunden, die ihnen und mir verbleiben. Das alles führt zu nichts Konkretem. Ich finde zu nichts, auch zu keinem Gedanken. Aber müde, müde werde ich es lange nicht. Und heute, heute trug ich einmal Rilke statt der Musik fest bei mir.
„Du, der ich’s nicht sage, dass ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen“
[Rainer Maria Rilke]
Ich bin einsam, aber nicht …
Jene, denen wir das meiste zu sagen haben, interessiert es am allerwenigsten; und den Wenigen, die uns zuhören würden, haben wir nichts zu erzählen. Also schweige ich; und schreibe stattdessen Briefe. Briefe, ohne je Briefe zu sein, weil ihnen das, was einen Brief ausmacht, immer fehlen wird: unterwegs zu sein. Ich lege sie stattdessen still auf einen großen Stapel zu meiner Rechten; dort, wo all die anderen nie gesagten Worte längst auf ihr trauriges Vergessen warten.
2021/07/27
Spät in der Nacht lausche ich für einen Moment den Stimmen meiner Nachbarn. Es ist ein undurchdringliches Murmeln, ich kann und will nichts Bestimmtes darin verstehen. Doch das stört mich nicht weiter, es ist allein der Klang ihrer Stimmen in der Dunkelheit, der mich erinnert. An ein Früher, das vielleicht nie gewesen war. Darin liegt, einzig und allein, Sehnsucht.
2021/07/24