Du und ich, wir waren Herbst und Winter. Wir reichten nicht darüber hinaus, sahen keinen Frühling, keinen Sommer und ich dachte, dass wir gerade deshalb immer wiederkehren würden, denn wenn wir Herbst und Winter sind, müssten Herbst und Winter auch wir sein, oder? Also habe ich gewartet, auf die ersten Anzeichen von Herbst, einem sich verfärbendem Blatt, das schließlich zu Boden schwebte, der Luft, die nun anders war, kühler, direkter vielleicht oder ein allzu grauer, stürmischer Tag, der so recht in keine andere Jahreszeit passen wollte. Ich habe darauf gewartet und als es eintrat, dass auch wir jetzt wieder zum Vorschein kämen. Der Herbst, das bin ich, hättest Du gesagt. Und ich, ich der Winter, hätte ich geschwind ergänzt. Und dass das eine nicht ohne das andere sein kann, das wüsste ja wohl jeder nur zu gut.
Erinnerst Du Dich noch an diese ganz bestimmten Herbsttage? Jene, an denen es stürmisch, scheinbar ewig dunkel und immerzu kalt war. Wenn wir nach unserem Spaziergang ganz ausgefroren und etwas erschöpft mit tränenden Augen und laufenden Nasen endlich wieder im Warmen bei mir zu Hause ankamen, dort heißer Früchtetee und ein frischgebackener Hefezopf auf uns warteten? Auch jene wenigen Herbsttage, an denen unerwartet einmal die Sonne zum Vorschein kam, es zwar frisch aber auch angenehm sein konnte, solange man nur in Bewegung blieb. Unsere Streifzüge durch Buchenwälder, über Wiesen und Herbstlaub hinweg, hin zu alten Burgruinen oder nicht minder baufälligen Mühlen am Fluss, die wir manchmal zum Erkunden auserkoren. Wenn wir dazwischen rasteten, auf Parkbänken in der Sonne Seite an Seite saßen, die letzten warmen Sonnenstrahlen genossen, uns im Inneren längst kalt geworden war, doch die Sonne noch nicht missen wollten, so als wäre ihr Erscheinen eine unbezahlbare Kostbarkeit. Wenn wir anschließend in der Dämmerung den etwas längeren Weg „über das Land“, wie ich immer zu sagen pflegte, nach Hause fuhren. Vereinsamte Bäume auf kargen Feldern, dann und wann auch Gehöfte oder Lichter im Dunkelblau des Abends, die an uns vorbeizogen. Keine Straße, kein Weg zu schmal oder zu weit, wenn dort nur etwas wartete, das ich Dir hatte zeigen wollen, und wenn es nur ein Gefühl war. Ein Gefühl, das sich manchmal einzustellen wusste, wenn man genau auf diese Weise dahinfuhr, uns der zurückliegende Tag plötzlich wie eine einzige Hinleitung auf diesen Augenblick vorkam, sodass etwas wie ein Umweg genau genommen gar nicht existieren konnte. Wenn wir zuhause glücklich eintrafen, das Gefühl, vielleicht war es eine Form leichter Melancholie gewesen, dabei von uns wich und ein anderes an seine Stelle trat. Zufriedenheit vielleicht. Mit sich, dem Tag, mit uns. Wie wir nacheinander in der Dusche verschwanden und dann erschöpft ins Bett fielen, der andere längst seine Hände nach einem ausstreckte, wenn es nicht die Müdigkeit war, die am längeren Hebel saß und uns an sich riss. Zu gesättigt vom Tag, der ganzen frischen Luft, waren wir dann oft; und um einen meiner Spielfilme anzusehen, die ich Dir unbedingt hatte vorspielen wollen, blieb meist keine Gelegenheit mehr. Frühs, beim ersten Sonnenlicht, der Blick aus dem Fenster, manchmal das warme Morgenlicht auf den letzten gelben Blättern der großen alten Linde, die nun wohl mehr unter als auf oder in ihr zu existieren schien bei all dem Laub zu den Füßen. Doch noch immer blieb genug im Geäst, dass der leise Wind darin zu hören war, es raschelte wie die Erzählung eines Märchens. Und Du. Ich liebte es, einen Moment vor Dir aufzuwachen, Dich im ersten Licht zu betrachten. Alles still, und Du so friedlich daliegend. Zufrieden hast Du immer ausgesehen. Als wären wir eins, würden zusammengehören wie Spaziergänge und der leicht modrige Duft von nebelfeuchtem Herbstlaub. Ich glaube, an die Zukunft hatte ich dabei nie gedacht. Es war Herbst, und Du hier.
Erinnerst Du Dich auch an den Winter? Wenn über Nacht still und fast heimlich der erste Schnee gefallen war, wir uns an Samstagmorgen noch vor dem Frühstück warm anzogen und hinausgestapft waren? In die Stille, in den Schnee hinein. Wenn darin nichts zu sehen war, nur das endlose Weiß um uns herum, schwarze, einsame Baumgerippe dazwischen, die kaum zur Orientierung genügen wollten, wir uns kurzerhand sagten, dass wir den rechten Weg nach Hause schon fänden, wenn uns danach wäre. Deine und meine Fußspuren im Schnee. Oder oft wohl eher nur meine, denn in die hätten und haben Deine wohl gut und gerne zweimal gepasst. Und so hattest Du mich gerade bei Tiefschnee immer gerne ins Ungewisse vorangeschickt, auf dass ich, einem Schneepflug gleichend, den Weg für uns ebnen würde. Gelacht habe ich dann, und möglichst große Schritte gemacht, dass Du von Insel zu Insel springen musstest wie ein aufgescheuchtes Reh. Eine mannstiefe Schneewehe in einem Graben hatte ich so einmal übergangen, in die Du prompt hineingetappt, nahezu vollständig darin verschwunden warst, sodass ich Dich wieder daraus hervorziehen, Dich eilig vom Schnee befreien musste. Gehen und aufpassen musst Du schon selbst, hatte ich gesagt, und wir gelacht. Aber, erinnerst Du Dich auch an die alles durchdringende Kälte, das lange, sehnsüchtige Warten, wenn wir einmal tagsüber keine Zeit füreinander gehabt hatten, stattdessen nun erst in Dunkelheit und Nacht am Wald spazieren gehen konnten. Der Schrei einer einsamen Eule, unsere verhaltenen Schritte im Schnee, hoffentlich leise genug, um mit etwas Glück dem einen oder anderen Wild auf die Fährte zu kommen. Dann, wenn kaum etwas zu sehen war, nur die blaue Nacht, unsere zaghaften Atemwolken im ersten Mondlicht. An Novembertage, wenn der erste Schnee doch eine Spur zu voreilig gefallen war und gleich wieder schmolz, es tierisch nass und reichlich unangenehm draußen blieb. Uns der Wind zornig um die Ohren peitschte, so als wollte er uns davontreiben oder zumindest zurück in die vier Wände scheuchen. Doch lebendiger als jetzt hatten wir uns zuvor kaum je gefühlt und Du meine Hände kurzerhand zu den Deinen in die Jackentasche gezogen, denn so kalt, dass es zu zweit nicht ein wenig wärmer wäre, konnte es für uns gar nicht sein. Das laute, eigentümliche Rauschen dieser Herbststürme, das neben, und manchmal, wenn wir kühn genug waren, auch über uns in den Bäumen, die unter der Last des Windes zu brechen drohten, erklang. „Wuuuuuuaaschhh“, hörst Du es? Und auch die Kälte, spürst Du sie? Was wären diese Tage ohne sie?
Ich erinnere mich auch an den Frühling, und den Sommer. Natürlich tue ich das. Als Du nicht mehr da warst, ich niemanden mehr an meiner Seite sah. Ich erinnere mich an Regen, der mir nicht häufig und lange genug fiel, hoffte ich doch, er hätte die Macht, mich fortzutragen. Ich erinnere mich an die ersten warmen Sonnenstrahlen, den Duft des Frühlings, das erste zaghafte Grün in den Wiesen und Hecken, was alles zugleich wunderschön war und sich trotzdem, oder gerade deshalb, irgendwie falsch anfühlte. Ich erinnere mich daran, wie ich mich fragte, wie es mir denn passieren konnte, dass Natur und Jahreszeiten mich abgehängt, mir unaufhaltsam davongerannt waren. Mir, der ich doch eben nicht stehengeblieben, sondern geradezu wie ein Verrückter selbst durch die Gegend gerannt war, so als könnte ich Dich mit dem wiederholten, fast schon peniblen Aufsuchen all unserer Orte wieder heraufbeschwören; oder zumindest einmal in der Ferne erblicken, wenn ich nur den richtigen Tag, die richtige Zeit erwischte. Sie, die sich nie ereignen wollten, so als spräche alles gegen mich. Stattdessen kam der Frühling, doch ich fühlte mich im Inneren wie der Winter. Im Sommer schien die Sonne, doch in mir schien nichts als eine eigentümliche Kälte zu sein, die von nichts, keinem Sonnenbaden und noch so schmerzhaftem Sonnenbrand, vertrieben werden wollte. Als wäre ich selbst zu einem dieser alten, knorrigen Bäume geworden, die längst keine Kraft mehr zum Jahresringewachsen und Äpfeltragen fanden, stattdessen verloren im Weiß des Schnees standen, und traurig waren. Novembermorgen, die zu lange in mir Einzug hielten. Winterwind, der immerzu in meinem Herzen wehte. Ich erinnere mich an sie beide, Frühling wie Sommer, doch weiter über sie schreiben mag ich nicht, denn
Du fehlst.
2019/02/10