Die Nacht verbrachte ich am Rande eines kleinen Kiefernwaldes, und war froh, dass mich hier keiner störte. Fast schon November war es und in der Früh ging ich durch die Dunkelheit, dichter Nebel um mich herum, der nass von den Bäumen auf Herbstlaub tropfte. Kurz darauf, noch immer im Dunkeln, löste sich der Nebel wie von Geisterhand auf. Nur weit unter mir, im Tal, da blieb er bestehen. Zwischen den beiden war es, dass ich stand, still und geduldig auf Morgendämmerung und Sonnenaufgang wartete. „Ich wünschte mir, es trüge mich fort von hier, das Nebelmeer zu meinen Füßen“, ging mir durch den Kopf, ohne, dass ich hätte sagen können, woher sie kamen, diese seltsamen Worte. Worte, die ich trotzdem nicht verlieren wollte, um keinen Preis, nur leider nichts zum Schreiben bei mir trug. Doch meine Sorge war unbegründet; sie ließen mich nicht los. Später, längst wieder an einem anderen Ort und jetzt auch Papier und Stift zur Hand, begann ich ein wenig um sie herum zu schreiben, auch wenn eigentlich nur sie allein es blieben, die mir wichtig waren. Sie, und der Gedanke, der dahintersteht.
Ich wünschte mir, es trüge mich fort von hier, das Nebelmeer zu meinen Füßen. Dass es mich auffangen würde, wenn ich nun hineinfiele. Und ich trete nach vorne, einen Schritt nur, und falle tatsächlich. Aber da ist nichts, das mich fängt. Also stimmt es, was sie sagen, dass ein Nebelmeer keine Träumer trägt. Ich falle, und falle. Scheinbar endlos. Dann wache ich auf. Still ist es um mich herum. Viel zu still. Nur mein Herz, das schlägt. Nur ein Traum. Aber eigentlich gar nicht so anders wie der Tag. Auch da falle ich. Nur dass es nichts Wirkliches darin gibt, woraus ich erwachen könnte. Allenfalls dem Leben selbst. Vielleicht, oder wohl eher wahrscheinlich, doch erst irgendwann einmal. Schon so lange scheinen sich alle einst für immer geglaubten Unterschiede, alle für unbezwingbar gehaltene Grenzen, vor mir aufgelöst zu haben. Und weil ich ratlos bin, frage ich nun ausgerechnet sie, die noch ausdruckslosesten Gesichter um mich herum, danach, woher ich nur die Gewissheit nehmen könne, dass sie auch wirklich echt wären. Sie, und ich, und eben wir alle. Und sie antworten mir, ein wenig verärgert der törichten Frage wegen, dass sie das natürlich wären, denn was sollten sie schon sonst sein. Etwa Gespenster, nur einer kruden Phantasie entsprungen oder sonstiger Hokuspokus? Aber ich frage weiter nach, lasse einmal nicht locker auch wenn das sonst so gar nicht meine Art ist, woher ich wissen könne, dass ich nicht doch noch immer träume, nur vielleicht eine oder gar mehrere Ebenen tiefer, wie ich es einmal gelesen zu haben glaube. Derart verstrickt, bis kein einziger Weg mehr hinaus, allenfalls einer nur noch tiefer hineinführe. Da fragen sie mich, gescheit wie sie sind, ob ich denn einsam sei. Ich nicke, natürlich nicke ich. Und sie sagen mir, dass es doch sicher stimme, dass ich in all meinen Träumen, mögen sie noch so ausgefallen oder traurig gewesen sein, zwar vieles gewesen sein mag, nie aber einsam, oder? Natürlich, das stimmt, seltsam eigentlich, also nicke ich wieder. Und sie sagen: Siehst Du. Du bist wach. So wach wie wir. Weil, in Träumen, in Träumen kann man nicht einsam sein. Wer würde schon von der Einsamkeit träumen wollen?
Ihnen und ihren Beteuerungen, selbst wenn sie ein wenig altklug klangen, so als würde da ein Erwachsener mit einem etwas dümmlichen Kind sprechen müssen, will ich Glauben schenken, nur zu gerne sogar. Wenn da nicht längst dieser Zweifel in mir herangereift wäre. Hineingegraben hat er sich, unumkehrbar ins Gedächtnis und Gewissen. Ein dunkler Fleck, der jedes Wort überdauern, jede Silbe und jeden Buchstaben solange hin und herdrehen wird, bis keinerlei Sinn mehr darin ist, sogar der Anfang verloren gegangen ist. Schon viel zu lange bin ich einzig in mir selbst zuhause, sehe voll von Misstrauen auf die Welt um mich herum. Nur mit einem bin ich mir nahezu sicher. Dass ein Nebelmeer noch nie einen Träumer davongetragen hat. Noch nie. Auch wenn ich mir das wünschen würde. Gerade jetzt, wie ich hier stehe, nur einen einzigen Schritt wagen müsste, um endlich Gewissheit zu erlangen. Meine Arme müsste ich weit ausstrecken, so weit wie ich nur kann, und sehen, sehen wohin es mich trägt. Vielleicht müsste ich mich nicht einmal fallen lassen. Vielleicht genügte schon, einfach nur ganz tief Luft zu holen und für einen Moment meine Augen zu schließen. Vielleicht, vielleicht würde diese kleine Winzigkeit bereits den Ausschlag geben. Weil, wenn ich wirklich wach sein sollte, so wie sie mir wieder und wieder sagen, dann muss ich es unendlich müde sein. Ich muss es müde sein, dass kein gewöhnlicher Schlaf mich heilen vermag, denn wenn ich aufzuwachen glaube, kann ich nicht anders, als mich im Gestern festzustellen.
Viel lieber will ich träumen, will träumen von Nebelmeeren, die Träumer tragen. Tragen, ganz gleich wohin, solange es nur fort von hier ist.
2021/10/30