Hin und her werfen sie mich, die Stimmungen und Gefühle. Längst scheinen sie mir wie Strömungen auf offener See zu sein, die mich heimsuchen, wieder und wieder, doch ganz ohne, dass sie festen Gezeiten folgten noch ich ihnen etwas entgegenzusetzen hätte. Und woher genau sie kommen, und wohin sie gehen, weiß ich ebenso wenig. Nur warten kann ich. Warten, bis das Meer, meiner überdrüssig, von mir ablässt, mich ausspuckt und zurück an Land spült. Doch bis dahin bleibt mir nichts außer der Frage, wie ich bloß hierhergekommen bin, nur endlos Wasser um mich herum. Meine Seele, sie läuft Sturm gegen mich.
In lichten Momenten, aus der Distanz heraus, so fern und nüchtern, wie man sich selbst eben sein kann, muss ich mir eingestehen, dass das Meer, das ich um mich herum zu sehen und spüren glaube, ebenso ein Teil von mir ist, wie ich selbst. Genau genommen ist es nicht einmal nur ein Teil. Ich bin das, alles. Das eine, wie das andere. Aber eine Grenze zu ziehen vermag ich längst nicht mehr, entzieht es sich, Mensch und Seele wie ich bin, zwar nicht meiner Wahrnehmung (worüber ich vielleicht sogar glücklich wäre), doch das Ausmaß und die Beschaffenheit meinem Vorstellungsvermögen. Wie sollte ich auch beides zugleich sein können? Ich, der ich hier sitze, und dabei hinaus, aber damit ebenso in mich hineinsehe. Hinein in das Meer, ein Seelenmeer, das mir seltsam vertraut und doch gleichermaßen fremd wie undurchdringlich scheint. Und weil ich es nicht verstehe, mich selbst für ein Paradoxon halte, das auch kein anderer zu begreifen vermag, rede ich mir weiter ein, dass es Stürme wären, die mich heimsuchen und an mir zerren. Stürme, die an manchen Tagen und Wochen meinen Himmel verdunkeln, mich mal hier und mal dorthin tragen, doch bei all dem Bildnis keinen Jahreszeiten oder Vorhersagen folgen. Doch vielleicht ist insgeheim längst bekannt, dass ich selbst es bin, wegen dem ich unglücklich bin. Dass ich es auch bin, der diesen Teil von mir als etwas Äußeres wahrnehmen will. Und wenn es nur ist, ob mich der Verantwortung zu entziehen. Ich treibe strudelgleich im Kreis, immer weiter und weiter, und kann dabei doch kein Innerstes finden. Meine Hände strecke ich aus, will etwas zu fassen bekommen, doch berühren kann ich weder einen anderen, noch mich selbst. Nicht einmal selbst sehen kann ich mich, in all dem Wasser. Doch eigentlich, irgendwo ganz da hinten, fern am Horizont, müsste es auch wieder zu mir selbst werden. Vielleicht müsste ich nicht aus mir hinaus, sondern in mich hineinsehen. Gleich dem Blick in das Auge eines Sturms, vor dem wir uns einerseits fürchten mögen und der uns doch unweigerlich in seinen Bann zu ziehen wüsste, viel zu verlockend die Aussicht auf die Stille darin. Ihm müsste ich erliegen, damit ich die Distanz, die ich spüre, hinter mir lassen könnte. Unendliche Distanz, einzig und allein von und zu mir selbst.
Und weil ich es leid bin, mein ewiges Getriebensein, will ich auf Spurensuche gehen. Schließlich muss einer, der zu allem bereit, zu allem wild entschlossen ist, doch erst recht auch zu allem vordringen und finden können, solange er nur gut genug danach suchen, keine Mühen scheuen wird. Immer weiter hinein, endlich einmal bis hin zu den Ursachen vordringen, nicht länger nur den immergleichen, nichtssagenden Symptomen lauschen. Ganz nach unten, hinab auf den Grund, bis gar nichts anderes mehr möglich ist, als der Wahrheit zu begegnen. Vielleicht muss ich sie ausgraben, meine Seele, sie Stück für Stück aus mir herausschneiden und, sollte sie sich weigern, schonungslos freilegen. Auf dass, wenn schon nicht von innen, wenigstens von außen ein wenig Licht auf sie fallen würde. Licht, das den ewigen Schatten von ihr weichen ließe, der zu lange schon an ihr nagte. Dieser Schatten, dieses Gefühl, das in Wahrheit vielleicht ich selbst bin. Und wenn sie dann vor mir läge, meine Seele, wäre auch ich selbst nicht mehr. Denn ohne Einsamkeit, was bliebe da schon.
Also setze ich Segel, will nach dem Ende des Meeres suchen. Das Ende des Meeres, das ich dort, wo eigentlich immer schon alles gewesen war, zu finden glaube. Nicht vor, sondern in mir selbst. Und weil das so ist, setze ich den ersten Schnitt so bestimmt wie ein Seemann, der rudernd Kurs auf den Sturm hält, wohl wissend, dass nur eine Chance bleibt. Und die, die liegt im Inneren der Welt.
2021/08/05