… und was, wenn es in Wahrheit ein und derselbe Moment gewesen war? Nur dahinter, im Verborgenen, zwei ganz verschiedene Leben. Vielleicht eines, das gerade aufhört, und eines, das nun beginnt; vielleicht aber auch nur ein Erträumtes, das verblasst, und das Wirkliche, das rasch an Kontur gewinnt. Welches, und ob überhaupt eines davon, vielleicht weniger dadurch bedingt, wer wir waren, als wir ihn erlebten, diesen kurzen Augenblick, als dadurch, wovon wir träumten, während wir darauf hofften, dass auch uns beiden, ob heute Nacht, Morgen oder irgendwann einmal, so etwas geschähe. Ich habe gewartet, sagt sie. Worauf?, frage ich. Auf Jetzt, flüstert sie, die Nacht.
Da war doch etwas, zwischen uns, oder? Ich meine, die Art und Weise, wie Du mich angesehen hast. Dort in der Nacht, im fahlen Licht der von Faltern umschwirrten Straßenlaternen. Wir beide, endlich einmal ganz allein, zwischen den großen Linden und schlafenden Häusern, vereinzelt und etwas gedämpft die Sterne darüber. In diesem Augenblick, in dem ich mir bereits nichts sehnlicher wünschte, als dass ich all das hätte behalten, mir auf ewig bewahren können. Für den Moment nach diesem Moment; und überhaupt für das Leben, das unweigerlich folgt und folgen wird, wahrscheinlich schon längst hinter der nächsten Straßenkreuzung wie auf Abruf auf mich lauernd. Eines, das wahrscheinlich ohne Dich bliebe. Und nach außen hin, war da vielleicht gar nichts Besonderes, nichts weiter als ein ellenlanger Blick zwischen zwei Menschen, die ein wenig entfernt voneinander auf der Straße stehen, sich vielleicht gerade verabschiedet und doch noch einmal umgedreht haben, so als hätten sie einander in exakt demselben Moment gefragt, ob der andere nicht noch etwas gesagt hätte, wo doch beide nur zu gut wüssten, dass das nur ein Vorwand gewesen war, um einander nicht loslassen zu müssen (verlegen gegrinst hätten sie dann beide, und alles wäre gut und gar keine Fragen mehr nötig gewesen). Aber, es war Dein Blick. Dein Blick, mit dem Du ausgerechnet mich angesehen hast. Von allen, die da sonst hätten stehen und Dich heute Nacht sicher nach Hause begleiten können. Sieh mal, es hat sogar Sterne, hatte ich nur verlegen zu sagen gewusst und in den städtischen Nachthimmel hinaufgezeigt. Aber Du, Du hast nicht die Sterne, sondern weiter mich angesehen. Und das hat etwas gemacht mit mir, der ich dort stand und nicht wusste, was hier geschah, denn was ich jetzt fühlte, im Inneren, das hatte ich für so lange Zeit schon totgeglaubt. Und als ich wieder durch die Dunkelheit nach Hause bin, dieselbe Strecke, die wir doch gerade kurz zuvor erst in der anderen Richtung auf unseren Rädern Seite an Seite gefahren, den anderen Nachtschwärmern etwas trunken ausgewichen waren, fragte ich mich auf jedem Meter, wie ich nur zurückkehren könnte. Zurück an diesen Ort, diese Stunde, diesen Moment. Zurück zu Dir. Doch selbst, wenn ich mir sofort einen Ruck gegeben und endlich umgedreht hätte, hätte ich ja doch nichts mehr von uns wiedergefunden, war doch längst alles fort, still und verschlossen. Ich weiß nicht, ob nur hinter Gardinen und Türen, für letztere es immerhin Schlüssel gäbe, oder auch Deinem Herzen. Weil, manche Gelegenheiten, die gibt es nur einmal; und einmal ist manchmal auch wie niemals. Stattdessen hätte ich nur töricht zwischen den Häusern lauter Fremder gestanden, alleine nun, und mich gefragt, ob ich nicht vielleicht alles nur geträumt habe; oder es gar noch immer tue. Und auch jetzt, wie ich hier sitze und schreibe, vor dem Fenster längst früher Morgen geworden, das Laternen- dem Dämmerlicht wich und die Falter nach und nach wer weiß wohin verschwanden, bin ich mir gar nicht so sicher. Und erinnern, erinnern kann ich mich nicht einmal mit Sicherheit daran, wie wir dann schließlich doch auseinandergegangen, und in der Nacht verschwunden waren. Vielleicht mit einem Blick, der sich verliert; denn so beginnt und endet doch ohnehin immer alles. Alles, und auch das Wenige zwischen Dir, und mir.
2022/08/24
(Die Fortsetzung erfolgte im März zwei Jahre später, anfangs noch unter dem Titel „Heirat“, später dann aber als korrigierte, erweiterte Fassung unter „Heirat, oder Wir beide unter Weiden“. Mit dem einen fing es an, mit dem anderen hörte es auf. Wenn überhaupt. Rosalie.)