Nichts, das wir verlassen, wird uns aus einem anderen Grund fehlen, als der Erinnerung an uns selbst, der Sehnsucht nach dem Ich an einem anderen, früheren Ort und der seinerzeit scheinbar dagewesenen Möglichkeit, sich dort als ein Anderer gefühlt, oder empfunden zu haben.
Noch während ich reise – bereits einige Wochen hinter mir liegen, wenige weitere vor mir – verspüre ich die Gewissheit, dass ich all das, was ich tagtäglich erlebe, später einmal vermissen werde. An einzelnen Orten, an denen ich mich zuhause fühle, auf langen Nachtfahrten zwischen dem einen und anderen, lasse ich Teile von mir zurück. Ein Tausch, der mit dem Entstehen von Erinnerungen einhergeht, so als könnte Neues immer nur dann geschehen, wenn ich selbst etwas von mir hergäbe; als würden, einem Buch gleichend, Worte in mich hineingeschrieben, doch ich Seite für Seite auch ein paar meiner eigenen verlieren, denn die Seitenzahl stünde längst fest. Später einmal, ob nach Wochen, Monaten oder Jahren, werde ich sie spüren, diese seltsamen Lücken und Leerstellen, und meinen Verlust als Fernweh empfinden. Fernweh ist damit Erinnerung, Sehnsucht nach der einstigen Gelegenheit eines Ichs, das dort, in der Ferne, anders zu fühlen vermochte, als der, der ich nun heute bin. Es kann wohl dahinstehen, ob ich seinerzeit tatsächlich ein Anderer gewesen war; oder mich dessen heute nur wähne. Solange ich es erinnere, gilt es; und was gilt, bleibt mir als Fernweh bestehen. Und es heißt, dass ein jeder Aufbruch einen Zauber innehätte, gleich, ob wir ihn wahrnähmen oder er uns in jenem Moment verborgen bliebe, doch scheint damit ein Zauber ohne Verlust gänzlich ausgeschlossen. Vielleicht ist die entscheidende Frage die, ob wir mit jedem Aufbruch, jedem späteren Anflug von Sentimentalität oder Fernweh, weniger werden; oder sich zumindest, über die Zeit gesehen, der stetigen Abfolge aus Ankommen und Wiedergehen, die Waage halte. Wenn aber, dann hätte Pessoa wahrscheinlich Unrecht gehabt, denn der unsichtbare Saldo spräche nie gegen uns. Die Summe, sie bliebe doch immer exakt ein und dasselbe.
2018/11/06