Ein Blick, ein vages Lächeln; mehr muss und kann ein ungelebtes Leben unmöglich sein.
Kennst Du das Gefühl, gerade wieder einmal an einem der ungelebten Leben vorübergekommen zu sein? Alle paar Monate geschieht mir das, meist, wenn ich gerade in der Ferne unterwegs bin und dabei zufällig jemanden sehe. Vielleicht, wie jüngst, im Abendlicht zwischen verstreuten Höfen an der Küste alleine entlangspazierend. Ich unterscheide zwischen Jung und Alt, doch weiß ich genau genommen weder wo ich die Grenze ziehe, noch nach welchem Muster ich dabei vorgehe, wenn es denn ein solches überhaupt gibt. Zu wenige Menschen kenne ich, als dass ich daraus mit Sicherheit schließen könnte, wie aussieht, wer so und so alt ist; noch am wenigsten, wer meines eigenen Alters sein dürfte. Vielleicht kein Wunder, habe ich doch wieder einmal auch nach Wochen kein rechtes Gespräch geführt. Und sicher, in jenem Moment dachte ich mir, ich hätte, wäre ich nur ein wenig jünger gewesen, wer weiß was dafür gegeben, dort gemeinsam zu spazieren, erst durch den nach Frühling duftenden, lichten Wald hindurch, dann stetig und bestimmt zum Ufer hinunter, der Bucht mit den großen Granitfelsen anbei. Doch sind wir ehrlich: was weiß ich schon von deren Leben; und überhaupt von einem an jemandes Seite. Ein Blick, ein vages Lächeln, ist, was mir davonbleibt. Aber mehr muss und kann ein ungelebtes Leben auch kaum sein.
2024/03/16