Erst eine Handvoll Wunderkerzen, dann Feuerwerk vor dunklem Nachthimmel. Wir beide, nebeneinander auf dem Boden kniend, unsere Hintern in die Luft gestreckt, ein allerletztes Streichholz, das uns noch bleibt, ein Windhauch, und unsere Hände, die schützen, so gut wie sie nur können. Wir rennen ein paar Schritte zurück, drehen uns um, stehen Seite an Seite, während es für Sekunden, die einer kleinen Ewigkeit gleichen, farbenfroh vor der Dunkelheit aufleuchtet. Das laute Knattern weckt die Leute, ganz da hinten geht rasch ein Licht an, wir stieben lachend in entgegengesetzter Richtung davon, fliehen ohne ein Zögern zurück in die Nacht hinein, die uns augenblicklich verschluckt und so schnell nicht wieder herausgeben wird. Und ich will sie mir vorstellen, diese Nacht, als eine undurchdringliche Wand, die alle Rufe nach jenen, die verloren sind und doch nicht gefunden werden wollen, anstandslos abprallen ließe.
Wenn wir Kind sind, wissen wir nicht, dass wir einsam sind. Ich spazierte mancher nachts mutterseelenalleine am Waldesrand entlang, saß im schummrigen Licht einer Straßenlaterne auf den Parkbänken der längst verlassenen Spielplätze, lief auch im tiefsten Winter stundenlang durch den Schnee, legte mich mit Musik in den Ohren auf den bloßen Boden, nur um jede einzelne der herabsegelnden Schneeflocken sanft auf meiner Haut zu spüren. Sah eines nachts, wie ich den Blick einmal von meinen Füßen hob, dort oben am endlos großen Himmel Sternschnuppen, die grellgrün leuchteten wie Raketen und konnte doch so lange niemandem davon erzählen, bis ich es selbst nicht mehr für wahr glaubte, noch hätte erzählen wollen. Manchmal da wollte ich ohnehin gar nichts mehr so wirklich, nicht einmal aufstehen, wenn ich so alleine auf dem gefrorenen Boden lag, mir die Kälte langsam vom Rücken her in die Knochen zog. Wusste ich, was vielleicht nicht passieren würde, doch geschehen könnte? Hatte ich herausfinden wollen, wie weit ich gehen könnte, dieser inneren Stimme folgend? Aber nichts davon, nicht einmal das, schien mir seltsam oder falsch, denn ich kannte es gar nicht anders. Und dass es Worte oder ganze Erklärungen dafür geben könnte, was ich da tat, das wusste ich noch weniger. Ich stand nur irgendwann auf – vielleicht, weil ich drohte, entdeckt zu werden -, klopfte mir geschäftig den Dreck oder Schnee von den Kleidern, ging nach Hause und legte mich dort ins Bett hinein, wie ich eben noch hier gelegen hatte. Ich war noch immer auf der Welt, zumindest glaubte ich das; und mehr hätte ich dazu nicht feststellen können.
Du und ich, wir kannten uns als Kinder; und wer sich die Kindheit hindurch kennt, der kennt sich länger, als das jemals wieder möglich sein wird. Die Welt schien groß, wir klein, doch länger dauerte das Leben nie als in jenen wenigen Jahren, in denen Tage Ewigkeiten glichen, wir uns so rasch, so vehement veränderten, jedes Rätsel zu lüften, jede Grenze auszuloten versuchten und dabei so vieles hinter uns ließen, doch trotz dessen, oder gerade deshalb, nicht von der Seite des anderen wichen. Und so verwundert es mich nicht, dass ich wahrscheinlich jede, jede einzelne Bekanntschaft, die ich später hätte schließen können, ohne ein Zögern für uns beide einzutauschen bereit gewesen wäre. Denn zu gut erinnere ich mich, dass ich an manchen Abenden, wenn ich spätnachts durch die unzähligen Straßen und verborgenen Winkel meiner Heimatstadt streifte, all meinen Mut zusammennahm, die wenigen Schritte zu Deiner Haustüre ging, lange zögerte und schließlich, wenn auch nicht immer, tatsächlich dort läutete (was hatte den Ausschlag gegeben? War die Nacht stiller, schwärzer gewesen, als für gewöhnlich? Hatte der Ruf der Eulen anders geklungen, fordernder vielleicht?). Immer aber wenn ich es tat, und erst einmal diese Schwelle überschritten hatte, war es zunächst Deine Mutter, die mir öffnete. Ich sah unter meiner Wintermütze hervor und fragte, ob Du vielleicht zu mir nach draußen kommen dürftest, gleich der späten Stunde. Nicht lange, nur für einen kleinen Spaziergang um die Häuser der engsten Nachbarschaft, beteuerte ich wiederholt. Dann hast kurz darauf erst einmal Du selbst am Türrahmen angelehnt dagestanden, Deiner Mutter nicht unähnlich, doch sie nun wohl lauschend im Hintergrund, und durch das Treppenhaus zu mir, der ich dort unten wie nicht abgeholt stand, hinuntergesehen. Ich mag mich an manches erinnern können, unmöglich aber an Deinen Blick, weiß nicht, ob Du nur aus einem Anflug von Mitleid, oder doch wahrer Freundschaft zu mir nach draußen kamst. Ebenso wenig weiß ich, ob Du Dich über den unangekündigten Besuch gefreut, Dich geärgert oder gar meiner geschämt hattest, noch dass ich sagen könnte, wie häufig oder nicht häufig ich, mal aus diesem oder jenem, vorgeschobenem oder wahrem Grund, unverrichteter Dinge wieder alleine davongeschickt worden war. Wenn es aber gelang und Du, nach kurzer Warterei, zu mir nach draußen tratst, wanderten wir gemeinsam zwischen den halbfertigen, uns irgendwie unheimlich anmutenden Gerippe des frisch begonnenen Neubaugebietes hindurch, zwängten uns in den gut betuchten Gegenden an den dichten Hecken vorbei, sahen dort hinter großen Fenstern noch größere Fernseher flimmern, kannten aber auch vor den dunklen, von Schauergeschichten umwobenen Jagdhütten am Wald keine Angst, die uns hätte fernhalten können. Selbst wenn die Gassen und Pfade, die wir zu erkunden auserkoren, breit genug waren, wir zwanglos nebeneinander gehen konnten, berührten wir uns nicht, nie, schwiegen oder unterhielten uns rege, lachten vereinzelt über die Schule, einen närrischen Lehrer oder die Mitschüler und deren diffusen Beziehungsgeflecht, das wir nun zu ergründen versuchten. Fußspuren im Schnee, der Pulverschnee eines Nachts glitzernd im grellen Mondlicht, ein hastig hingeworfener Schneeengel, von dem ich Dich, ausnahmsweise einmal an den Händen haltend, hochzog, Dein vollkommenes Werk mit einem beifälligen Nicken quittierend. Nur ausgerechnet in der Schule, da sprachen wir nie miteinander. Nicht auf dem Pausenhof, schon gar nicht im Klassenzimmer und selbst dann nicht, wenn ich es so eingerichtet hatte, dass wir uns zwischen den Unterrichtsstunden auf den Gängen einmal unbeobachtet begegnen konnten (hattest Du es für Zufall oder selbst nach jeder Gelegenheit Ausschau gehalten?). Es schien mir wie ein seltsames Spiel, auf dass man annähme, Du könntest mich eigentlich gar nicht leiden, wüsstest vielleicht nicht einmal, wie ich hieße noch dass es mich überhaupt gäbe. Standen wir doch zufällig in einem Grüppchen beisammen, notgedrungen einmal gemeinsam auf den Bus wartend, sprachst Du ganz nüchtern und allgemein in die Mitte hinein. Du und ich, wir blieben ein Geheimnis. Eines, das gut genug gehütet war, dass ich es kaum einem Tagebuch hätte anvertrauen wollen. Und natürlich erinnere ich mich an einen Deiner Geburtstage, fast die ganze Klasse war schlussendlich, und nach einem sorgfältigen, tagelang andauernden Abwägen, bei Dir zu Gast geladen. Wie ich an diesem lauen Sommerabend, der Winter eigentlich längst Vergangenheit, verloren mit dem Rad durch die Straßen, einst unserer Straßen, raste, nicht nach links oder rechts sah, es lichterloh in mir brannte, hilflos nach allen Richtungen schrie. Doch noch immer wusste ich nicht, dass es genau dafür auch Worte geben könnte, gleich der Bücher, die ich damals, auf der Suche nach Antworten, regelrecht verschlang. Ich las diese Geschichten, wusste, die, das bin nicht ich; doch worin der Unterschied genau bestand, das konnte ich nicht sagen. Und auch keine Erklärung fand ich, dass Du gerade heute, an diesem besonderen Abend, lieber mit anderen feiern wolltest, während ich es war, der kurzerhand zwischen den Bäumen blindlings in den dunklen Wald hineinrannte, hoffte, er verschlänge mich, wie ich zuvor wohl insgeheim gehofft hatte, der Winter nähme mich ein für alle Mal auf, auf in sein einsam kaltes Reich. Du aber tanztest, ausgerechnet mit jenen, von denen ich zuvor nicht einmal im Entferntesten geahnt hätte, dass Du sie mögen könntest, noch um ihre Gunst zu buhlen gedachtest. Für Verlorene, jeder auf seine eigene Weise, derer ich uns geglaubt hatte. Du, weil das hier nicht Deine Heimat war, als Vertriebene wie Du galtst, und ich, weil ich zwar schon immer hier lebte, doch trotzdem nichts darin sah, was mir als Heimat hätte gelten können. Doch ich lag falsch; denn Du hattest dazugehören wollen, vielleicht immer schon, ich aber nur Dir. Und ob nun zu Dir oder nur Dir… mir wäre wohl beides recht gewesen, denn den Unterschied hätte ich, der ich von Menschen kaum etwas wusste, noch viel weniger verstanden.
Manchmal, wenn ich mich darin verstehe zu träumen, träume ich auch von Dir. Nicht hier, in dieser vermeintlichen Heimat, die sich heute ebenso wenig darin versteht, eine abzugeben, wie damals schon, sondern ausgerechnet dann, wenn ich tausende von Kilometern entfernt bin und in diesem oder jenem Zuhause für einen Moment wachliege. Ein Moment, der manchmal auch ähnlich lange andauert, wie unsere Streifzüge durch die Nacht. Es geschieht, wenn ich Abend um Abend allein an meiner Seite einschlafe. Mal ist es die Stille, mal Regen, mal Mond und Sterne oder gar vereinzeltes Laternenlicht um mich herum, das mich, ob ich nun will oder nicht, zurück in die Nächte meiner Kindheit zerrt, bis ich mich fast schon wieder auf vergessen geglaubten Parkbänken sitzen sehe, meine Schuhe rastlos im hastig zurückgelassenen Gewühl der Sandkästen. Nur Wunderkerzen, die gibt es hier nicht; und Feuerwerk allenfalls an Neujahr (das Feuerwerk der anderen mag wohl ohnehin nie so hell zu brennen, wie das eigene; als wäre und bliebe es Gefühl). Aber Du, Du schaust dann vorbei, vereinzelt zumindest. Und das ist schön, ehrlich. Aber auch begreife ich, dass sich, gleich der vielen Jahre, eigentlich gar nichts wirklich geändert hat. An den meisten Abenden streune ich noch immer verloren durch Straßen und sehe im Dunkeln reglos zu den mir übriggebliebenen Fenstern hinauf, hinter denen sicher noch jemand wach sein muss, gleich der späten Stunde (bist Du darunter?). Aber ich frage nicht mehr danach, ob da jemand zu mir nach draußen, hinein in meine Welt kommen mag, denn ich kenne niemanden hier, hinter diesen Fenstern; und wenn, fehlten mir ganz sicher die Worte. Nur die Erinnerungen sind es, an Dich, mich und unser kleines Feuerwerk, die währenddessen bei mir anklopfen, kommen und gehen, gleich der Menschen in einem, oder meinetwegen vielmehr einem Eurer Leben. Sicher, ich habe längst ein wenig von der Welt gesehen, habe mich selbst zu erleben und erzählen versucht, bin aber doch insgeheim nichts weiter des kleinen Jungens, der in der Nacht für einen letzten ewigen Moment unter einer einsamen Laterne innehält, ein wenig ratlos den Eulen lauschend. Ich bin ihn nicht geworden, diesen seltsamen Jungen, sondern immer geblieben. Nur, wieso das alles? Ich fürchte, die ungute Ahnung, dass ich mit jedem meiner Klingeln um Hilfe gebeten hätte, ohne genau zu wissen, worin diese Hilfe denn konkret bestünde, noch wobei eigentlich zu helfen mir wäre – vielleicht, als müsste ich jemanden um einen Groschen für Kleidung, eine warme Mahlzeit anpumpen – war ich nach Dir nie mehr ganz losgeworden. Sie blieb, als Schmach, der unschuldigen Erkenntnis geschuldet, von einem anderen Menschen abhängig gewesen zu sein. Wenn ich aber etwas begriffen habe, dann dass ich zu lange ignorierte, dass wir verschieden waren; und dass ich es Dir, ob nun unausgesprochen oder eines nie dagewesenen Streits an den Kopf geworfen, nicht zum Vorwurf hätte machen dürfen, noch dass etwas falsch daran gewesen wäre, dazugehören zu wollen. Und vielleicht, vielleicht wäre dann auch alles ganz anders geworden. Wenn ich Dich wenig später nicht verraten hätte, gleich wie sehr es war, dass ich mir – dieses einen, nun ungemein banal wirkenden Abends wegen -, selbst so verraten vorgekommen war. Ich aber war es, der es Dir damit unmöglich machte, als einer der ihren aufgenommen zu werden.
Heute ist nichts davon ungeschehen zu machen; wenn ich aber etwas verlangt hätte, dann dass uns ein wenig mehr Zeit geblieben wäre; und wenn ich mir etwas hätte wünschen dürfen, in einer dieser Nächte, die, fern von uns, so viel stiller als die anderen blieben, dann dass Du einmal bei mir angeklopft hättest. Ein ersehntes Klingeln spätabends an der Tür, ein vorsichtig geworfenes Steinchen gegen mein Fenster. Dann, wenn ich das Licht darin wieder einmal besonders lange leuchten ließ. Nur für Dich. Damit Du wusstest, dass ich da und noch immer wach bin, nur darauf brenne, notfalls auch an einer Regenrinne hinabzusteigen. Hinaus zu Dir, hinein in die Nacht. Damals wie heute.
Wenn wir Kind sind, wissen wir nicht, dass wir auch einsam sein können. Wir wissen es nicht, nicht etwa, weil wir so nicht fühlen könnten, sondern weil wir es weder einordnen, noch zu benennen vermochten. Die Welt ist uns ein Rätsel, Rätsel genug, dass uns das Bewusstsein fehlt, dass auch wir selbst eines sind, das es mit einem ebenso wissbegierigen, ebenso unverstelltem Blick, nur nun ausnahmsweise einmal nach innen gerichtet, nicht minder zu ergründen löhnte. Wenn wir Kind sind, sind die Dinge, wortlos noch dazu und vor allem wir selbst. Und manchmal denke ich mir, womöglich eine Spur zu voreilig, dass der wahrscheinlich einzige Unterschied zwischen damals und heute darin bestünde, dass ich zwar meine anfängliche Arglosigkeit längst hinter mir ließ, vielleicht gerade mit dem Kennenlernen der Worte, der Sprache, doch wirklich anders damit auch nichts im Leben geworden war. Aber fühlen, fühlen würde ich gerne wieder wie dieser Junge, der vielleicht auf den ersten Blick nichts so richtig verstand und dabei doch nicht dumm war. Dieser Junge hatte, anders als ich heute, vor allem ein wenig Herz. Und weil dem so war, war er es auch, der, über sich selbst und seinen Schatten hinausgehend, an Haustüren geklingelt hatte, statt nur auf etwas zu warten, das ansonsten nie, aber auch wirklich nie für ihn geschähe.
2019/02/15