Manchmal kommt mir das Leben wie eine scheinbar endlose Aneinanderreihung von Verlust vor; doch wenn eines Tages selbst das Verlieren ausbleibt, folgt doch nichts mehr, das noch verlorengehen könnte, begreife ich, dass, gleich der zahlreichen Abschiede, mein Leben seinerzeit so viel reicher gewesen war, als es dass heute noch zu sein vermag. Und ich beneide sie, denen es vergönnt ist, hinzuzugewinnen und wieder zu verlieren, denn nur dann ist es, dass wir wirklich leben.
Seltsam, dass es einmal eine Zeit gab, in der ich Freunde hatte. Ich meine, wirkliche Freunde. Wir, zu dritt, als engstem Kreis, dem Zentrum unserer gemeinsamen Bekannten, der sich ergab, vielleicht, weil wir uns besonders gut verstanden, vielleicht auch nur, weil wir an den Wochenenden hierblieben, wenn es die anderen in ihre Heimat zog. Die Bekannten, sie wechselten hin und wieder, doch gleich blieben wir, waren ohnehin zufrieden damit. Zusammen auf dem Balkon saßen wir oft, ein oder zwei Flaschen guten Weines zwischen uns, darüber die Nacht, und manchmal auch der Mond. Unsere Stimmen und Gelächter flammten munter auf und ab, gleich einer der Kerzen vor uns, mit der ein lauer Sommernachtswind spielte, während ich mal zu Dir, und mal zu ihm sah. Worüber wir sprachen, an diesen Abenden? Vielleicht über Anekdoten zu fernen Reisen, einfach den Sommer und seinen Wetterkapriolen oder eine der seltsamen Theorien, die so typisch für ihn waren, nicht selten eine Utopie betreffend, über die er sich den Kopf zerbrochen haben musste, bis er es nicht länger aushielt und mit uns zu teilen hatte. Meist gab es selbstgebackenen Flammkuchen oder Pizza dazu; und in den Häusern umher herrschte längst Dunkelheit. Oft war am Ende ausgerechnet ich es, den es wieder und wieder zu ermahnen galt, doch bitte etwas leiser zu sein, zu groß war die Sorge um den fragilen Nachbarschaftsfrieden. Todmüde wankten wir schließlich nach drinnen, zwei sanken auf die Couch, der andere, je nachdem, bei wem wir gerade zu Gast waren, verschwand auf das Zimmer. Am nächsten Morgen wachten wir meist viel zu früh auf, trafen uns zwar ein wenig verkatert doch nichtsdestotrotz lächelnd für einen Augenblick auf dem Balkon wieder, umarmten uns, und verschwanden dann in ganz verschiedene Richtungen. Irgendwann dann für immer; und mein Herz, derer ich sie beide verlor, bricht noch heute an der Erinnerung. Hatte ich es insgeheim gewusst, aus irgendeinem Grund vorhergesehen? Gewusst, dass ausgerechnet dieses eine Mal das endgültig letzte sein werde? Und wenn, hätte ich denn etwas anders gemacht, sie beide zum Abschied ein wenig fester gedrückt, vielleicht noch etwas besonderes, für jeden eine eigene Botschaft gemurmelt? Vielleicht auch gar nichts wohl überlegtes, sondern etwas, das direkt von Herzen käme?
Es ist nur.. nie hatten wir uns wirklich alles gesagt. Dachte ich zumindest, bis wir uns verloren; und als andere weiterlebten. Ich weiß, Ihr beide, Ihr habt Euren Weg sicher gemacht. Doch was war und ist mit mir, der ich hier zurückblieb, in dieser Stadt, die plötzlich so viel leerer schien. Diese Stadt, in der ich keine Wohnung mehr von innen kannte, noch einen Balkon, von dem aus wir den Mond hätten bestaunen können. Gelacht habe ich nie wieder; und selbst mein Zuhören und Erzählen verlernt, denn nichts schien mehr interessant genug. Mit Euch, da war ich so viel mehr Mensch.
2025/03/05