Weißt Du, wovor ich mich manchmal fürchte? Das es wahr sein könnte, dass der einzige Ort, an dem ich wirklich zuhause bin, jener ist, wenn ich zwischen einem und einem anderen unterwegs bin. Und Du magst vielleicht nun einwenden, dass das gar kein Zuhause ist, auch gar keines sein kann, doch anders habe ich schon so lange nicht mehr gefühlt, dass es ohnehin alles ist, was mir bleibt.
I | Ich bin wieder unterwegs gewesen, dieser Tage. Spontan und doch nicht spontan, denn eigentlich hatte ich mich schon seit geraumer Zeit erinnert, erinnert an einen Wald, den ich vor Jahren einmal fotografiert hatte; und der mir seitdem keine Ruhe mehr ließ. Also habe ich das Wetter beobachtet, seit Wochen schon, und war dabei doch gar nicht sicher, ob ich die lange Fahrt denn tatsächlich auf mich nehmen könnte, und wollte. Getan habe ich es am Ende trotzdem; denn schließlich war die Vorhersage vielversprechend genug, um es zu wagen; und auch meinen Launen hatte ich im Griff – oder sie mich weniger, wenn man so will. Am frühen Abend lud ich die letzten Sachen ein, sah nicht weiter zurück, sondern brach auf. Bester Dinge war ich dabei nicht, dachte mir unterwegs, unweit der ersten Landesgrenze, dass es wohl am Schönsten wäre, einfach dort im Nirgendwo zu bleiben, wenigstens fern der Heimat im Abendlicht eines gewöhnlichen Sommertages, das über die Felder strich, hier und da zwischen den Bäumen aufblitzte. Aber ich bin weitergefahren. Bis spät in die Nacht hinein. Und weißt Du, wo ich geschlafen habe, für en, zwei Stunden, bis mich das laute Vogelgezwitscher in der noch frühen Morgendämmerung weckte? An diesem Ort mitten im Land, neben einer kleinen, unscheinbaren Landstraße und unweit eines scheinbar ebenso beliebigen, zerstreut angeordneten Dorfes. An diesem Ort, der vielleicht nur deshalb etwas Besonderes für mich ist, weil ich dort ab und an vorüberkomme, ihn ein jedes Mal wiedererkenne und dieses Wiedererkennen etwas in mir auszulösen vermag. Ein Gefühl, eine Erinnerung vielleicht. Und noch dazu: anders war es gewesen, ungemein anders, einmal im Sommer hier zu sein. Ich fuhr also dann weiter, vom Morgen an, den ganzen Mittag hindurch, bis ich schließlich am Nachmittag an meinem ersten Zielort angekommen war. Ein Bergpass, strenggenommen das Ende der Straße sogar, ringsherum bewaldet mit großen, eigentümlichen Buchen in hunderten verschiedenen Formen und Gesichtern. Befürchtet hatte ich im Vorfeld, dass viele Menschen hier sein könnten, Samstag wie es war und gar nicht so fern einer größeren Stadt, doch trotz des Wochenendes sah ich kaum fünf andere über den Tag hinweg. Schwül war es bei meiner Ankunft, der sich gerade auflösende Nebel dampfte im Sonnenlicht noch auf den Hängen. Ich erkundete den Wald, einmal, dann noch ein weiteres Mal und verschwand schließlich doch wieder im Nebel, der dicht genug war, dass ich kaum die Hand vor Augen sah. Und jetzt fotografierte ich auch, eifrig und eilig, bis es zu dunkel dafür war und mir ohnehin ein wenig mulmig zumute war, hier alleine den Steilhang hinab zu kraxeln. Ich sammelte mich, dann fuhr ich weiter, knapp für drei Stunden, bis ich mitten im Wald am Fuße eines anderen Berges mein nächstes Ziel fand. Das war Tag eins; oder eineinhalb, wenn man so mag.
II | Nachts, erst um Mitternacht herum war ich hier angekommen, gewitterte es noch, war schwül, tropfte nass von den Bäumen. Der grollende Donner zwischen den Bergen machte Angst; und war zugleich großartig. Nach wenigen Stunden unruhigen Schlafes ging ich dann auch wieder hinaus, erwischte in der Dämmerstunde erst den richtigen Weg nicht, zu lange her, seit ich hier gewesen war, doch fand ich mich schließlich endlich zwischen jenen Bäumen wieder, nach denen ich gesucht hatte. Die Dämmerung ging nur verhalten ins Taglicht über, und ich stapfte rauf und runter, hin und her, fand viele bekannte und auch ein paar neue Gesichter, die ich fotografierte, bis ich wieder durchnässt und fast ein wenig zu gesättigt war von alledem. Nur eines hatte ich in den Stunden nicht gesehen: einen anderen Menschen. Nicht einmal gehört hatte ich einen. Zurück am Ausgangspunkt, stieg ich ein, fuhr wieder weiter. Auch den nächsten Ort kannte ich, kam dort bei vereinzeltem Sonnenschein erschöpft an, freute mich daran, den Rest des Tages nichts weiter zu tun, einzig den Tag in Ruhe ausklingen zu lassen – und stapfte am Abend doch auch in diesen Wald hinein. Nicht lange blieb ich, war glücklicherweise rechtzeitig wieder zurück, denn ein ordentliches Gewitter setzte ein, Regen prasselte heftig auf alles nieder. Hier schlief ich schließlich, die anderen Wanderer längst gegangen, kein Licht weit und breit, nur den Eingang zum dunklen Wald vor Augen. Das war Tag Zwei.
III | Nach einer viel zu kurzen Nacht, brach ich erneut in den Wald auf, dieses Mal mit einer Taschenlampe ausgestattet. Die Wolken lagen tief auf dem Bergrücken, tief genug, um für den Moment zu sein, wie ich es mir gewünscht hatte. Im Wald, nach meiner Wanderung am Zielort angekommen, war es leider doch zu windig, heller werden wollte es auch lange nicht und der Nebel war bereits Geschichte ohne, dass ich mit ihm hätte fotografieren können. Ich stapfte zurück, stieg ein, fuhr wenige Stunden lang zurück zum Wald von Tag Zwei. Kurz vor 10 Uhr kam ich dort an, wieder hatte es Nebel, richtig dichten dieses Mal also ging ich unmittelbar wieder los. Skeptisch war ich, all die Bäume von letztens womöglich noch ein zweites Mal zu fotografieren, doch wusste ich auch, dass ich nicht anders könnte, und auch nicht durfte, waren die Bedingungen doch bei diesem Mal so perfekt, wie es überhaupt nur möglich ist. Denn nun war er überall, der Nebel; und windstill war es auch weitestgehend. Wieder Stunden später, ich war tatsächlich alles erneut abgegangen, hatte auch noch hier und da etwas Neues entdeckt, kam ich wieder zum Ausgangspunkt, packte erschöpft und durchnässt meine sieben Sachen ein und fuhr wieder weiter, nun zu jenem Wald von Tag Eins. Zwei, drei Stunden später dort angekommen, kein Mensch an der Passstraße in Sicht, frühstückte ich kurz verspätet, ging sogleich auch hier wieder los, um mehr des Gebiets zu erkunden, und zu fotografieren. Über Stunden war ich darin unterwegs, das Gelände teils schwer zugänglich und erst zur Dämmerung wieder zurück am Auto. Ich entschloss mich, hier zu schlafen. Ich war erfolgreich gewesen, zufrieden und auch nicht zufrieden, denn die Furcht, etwas übersehen und nicht gut fotografiert zu haben, verschwindet nie gänzlich. Nachts prasselten Schauer auf das Auto; und Vieh, das hier auf den Wiesen weidete, ließen die umgehängten Glocken munter klingeln.
IV | Am vierten Tag brach ich bereits um kurz vor fünf Uhr in der Früh und Dunkelheit auf, um auf meiner Heimfahrt rechtzeitig durch das Gröbste, die Küstenstädte, hindurch zu sein, bevor das alltägliche Chaos dort ausbrechen würde. Ich fuhr, fuhr immerzu und kam unerwartet gegen Mittag wieder an jenem Ort hindurch, an dem ich bei meiner Hinfahrt geschlafen hatte. Es sind Jahre vergangen, dass ich diesen Ort neben der Straße auch einmal bei Tageslicht sah. Und jetzt erinnerte ich mich, und erkannte, dass ich das Gefühl an eine Erinnerung nicht aus dem Nichts habe, denn dieser Ort hat tatsächlich eine Geschichte, die über das hinausgeht, was mir bislang bewusst gewesen war. Mit einem damaligen Freund hatte ich einmal dort für ein einfaches Vesper auf den Bänken neben dem Karpfenteich gerastet – zwölf, dreizehn Jahre dürfte das nun her sein. Ich dagegen fuhr weiter, fuhr weiter, bis ich am späten Nachmittag in einem ländlichen, idyllischen Gebiet des französischen Juras an einem winzigen Parkplatz und einem unscheinbaren Bach zwischen Wiesen und Wäldern eintraf. Schauer und Sonnenlicht wechselten sich auch hier ab; es dampfte von den Wiesen, war wieder unheimlich schwul. Ausklingen lassen hatte ich es endlich wollen; und stieg doch am Bach entlang den Wald hinauf, dort ein Wasserfall; und die wohl schönsten moosbehangenen Bäume, die ich seit langem gesehen habe. Am Abend, von der Schwüle erledigt, schlief ich, wieder zurück am Auto angekommen, ein; und hoffte insgeheim auf ein Gewitter, das Linderung bringen würde.
V | Die Nacht war kurz und still; und ich kann mich nicht dran erinnern, dass ich aufgeschreckt worden wäre, denn es schien niemand vorübergekommen zu sein. Mit meiner eigenen Prognose hatte ich Recht behalten – ein Anflug von Nebel, wie ich ihn mir erhofft hatte, zeichnete sich in der frühen Dunkelheit ab. Ich stapfte zurück zum Wasserfall, doch der Nebel hatte sich dann bereits gelichtet. Ich entschied, dass ein Fotografieren nicht sinnvoll wäre, lief über ein verschlafenes Dorf durch die französische Landschaft zurück, die Straße zwischen den Hügeln hinunter; und brach dann auf in Richtung Zuhause, das ich am Nachmittag schließlich erreichte.
# | Was bleibt? Ich habe auf dieser kleinen Reise mein Möglichstes getan, habe so viele der potenziellen Bereiche abgesucht, wie mir körperlich und gedanklich möglich, habe dabei dutzende Bäume fotografierte, hunderte Aufnahmen gemacht. Einige der Aufnahmen sind gelungen. Doch weißt Du, was hängenbleibt? Dass ich die Bäume, von denen ich einmal Aufnahmen gesehen hatte, selbst nicht gefunden habe; oder ich fand sie, und erkannte sie nicht wieder. Das ist, was hängenbleibt. Dass es nicht genug war, was ich tat – obwohl ich alles gab.
2025/06/04
(Nachdem ich meine Aufnahmen gesichtet hatte, fand ich heraus, dass ich die Bäume, die ich suchte, tatsächlich gefunden hatte – nur ohne es vor Ort auch zu wissen. Ich hatte sie nicht nur gefunden, ohne sie wiederzuerkennen, sondern ich hatte sie sogar fotografiert, so als wären sie mir neu und unbekannt. Und das ist gut, sehr gut sogar, denn nur so gelangen mir Aufnahmen, die unverfälscht waren. Unverfälscht gegenüber denen, die ich von einem anderen Fotografen einst gesehen hatte.)