Hieße miteinander zu schreiben nicht, sich zwischen den Zeilen zu erzählen, dass man an- und voneinander gedacht und geträumt habe? Wären Briefe, vor allem jene aus der Ferne, damit nicht immer auch ein Wagnis, vielleicht sogar Geständnis? Darin, ein wenig verborgen und insgeheim doch erkennbar, ebenso die Frage wie gleichermaßen innige Hoffnung, dass all das auf Gegenseitigkeit beruhen möge? Wenn ich Dir geschrieben hätte, ich hätte mich damit gleichsam aus dem Fenster gelehnt, mich in unbekanntes, vielleicht zerstörerisches Terrain hineinbegeben. Und während Du, von alledem unbemerkt, weiter Dein Leben gelebt hättest, mein Brief über Tage oder Wochen unterwegs zu Dir gewesen wäre, ungewiss, ob er Dich und sein Ziel überhaupt erreichen würde, wäre mir doch so zumute gewesen, als wären wir beide wieder, ganz wie in früheren Zeiten, in stiller Vertrautheit zusammen. Briefe, sie schienen mir immer mehr als ein Gespräch zu sein. Ich konnte und wollte träumen darin. Gleich, ob von Dir, dem Leben oder der Sehnsucht. Ich glaube, diese wenigen Tage, in denen ich auf eine Antwort gewartet und es doch nicht getan hätte, wären mir die allerliebsten gewesen. Glücklich wäre ich gewesen, Dir etwas aus meinem Leben erzählt zu haben. Glücklich wäre ich gewesen, bald etwas aus Deinem zu erfahren. Doch weil ich wusste, dass Dir zu schreiben, ist, was ich nicht durfte, schwieg ich. Nur, ich habe sie trotzdem, oder gerade deshalb geschrieben, diese Briefe. Doch waren es Briefe ohne Briefe zu sein, weil ihnen das, was einen Brief einzig ausmacht, immer fehlte: unterwegs zu sein. Ich legte sie stattdessen still auf einen großen Stapel zu meiner Rechten; dort, wo all die anderen nie gesagten Worte bereits auf ihr trauriges Vergessen warteten. Du hast einmal gesagt, dass wenn es Worte gäbe, die etwas hätten ändern können, ich es gewesen wäre, der sie gefunden hätte. Vielleicht war es tatsächlich das, wonach ich gesucht hatte; auch wenn es mir heute grausam anmutet, was Du mir damit auf den Weg gabst. Aber ich fürchte heute auch, dass jene, denen wir das meiste zu sagen haben, es am allerwenigsten interessiert; und den Wenigen, die uns zuhören würden, hätten wir nichts Wirkliches zu erzählen. Der Klang der Worte, er bliebe falsch, würde schief im Raum hängen, wie bei einem verstimmten Instrument.
2022/02/15