Mein Großvater sagte einmal zu mir, die Einsamkeit der ganzen Welt würde sich nach und nach auf der dunklen Seite des Mondes sammeln. Und eben deshalb könne man sie zwar nicht sehen, aber doch jederzeit fühlen. Und weil das nun einmal so sei mit der Einsamkeit, mit ihr und den Menschen, müsse man einander immer ganz genau in die Gesichter, und Augen blicken. Man müsse darin aber nach jenem suchen, das man eben nicht unmittelbar sehen, sondern nur erspüren könne. Ein wenig so, wie wir manchmal auch auf das Meer und die Gezeiten hinaussehen, um vom Mond zu erfahren. Und überhaupt seien Gefühle doch wie das Meer, vor allem die Einsamkeit hinter unseren Augen ebenso endlos und weit. Bis zum Horizont, und manchmal auch darüber hinaus. Gleich, ob unserem, oder dem von allem, falls es so etwas denn überhaupt gibt.
Als er das zu mir sagte, mein Großvater, verstand ich es nicht, viel zu jung wie ich damals dafür war, vermutlich kaum älter als zehn Jahre. Zu jung, um zu verstehen, dass das, was ich da längst in meinem Inneren fühlte, von den Erwachsenen für gewöhnlich Einsamkeit genannt worden wäre. Ich rätselte stattdessen, was er meinte und ob er es nicht vielleicht doch nur zu sich selbst gesagt hatte. Ein Gedanke, vielleicht als Gefühl verpackt, der ihm für einen Moment in den Sinn gekommen war. Vielleicht hatte all das auch Jahre in ihm gelegen, tief im Verborgenen darauf gewartet, bis es dann schließlich unerwartet zum Vorschein kam, er vielleicht im ersten Moment selbst überrascht war, angesichts seiner eigenen Worte. Vielleicht war ich auch weniger über die Worte verwundert, als dem Ausbruch selbst, denn ein Mensch vieler Worte war er eigentlich gar nicht gewesen. Vielleicht aber hatte er, mein Großvater, es auch gar niemals gesagt; und ich mir all die Jahre nur eingebildet, in denen ich nach meiner Kindheit suchte und mir vielleicht gewünscht hatte, es hätte da jemanden an meiner Seite gegeben, der so mit mir sprach. Nicht von oben herab, sondern von Angesicht zu Angesicht. Stattdessen aber Fragmente. Und überhaupt, was hatte ich als Kind schon gewusst. Von der Einsamkeit, von ihm, oder dem Leben im Allgemeinen. Später, nach vielen Jahren, fing ich dann plötzlich an, nach Gründen zu suchen. Und wenn wir sie finden, manchmal zumindest, dann geht das mit etwas Glück auch mit Worten einher. Worte für das, was damals gewesen war. Momente bekommen plötzlich einen jeweiligen Namen, werden zuordenbar, mal einer Zeit, mal einem bestimmten Menschen. Aber selbst, wenn wir sie dann finden, die Gründe, oder wenigstens glauben, sie gefunden zu haben, scheinen es meist doch keine Antworten auf das zu sein, was uns insgeheim wirklich im Inneren umtreibt. Und trotzdem fühlt es sich gut an, wenn sich das Leben einmal verorten lässt, selbst wenn das Ansinnen bei genauer Betrachtung illusorisch bleiben sollte.
Er war längst verstorben, als ich mich dafür zu interessieren begann, wer er gewesen war, mein Großvater Wilhelm. Er, an den ich nur sehr wenige Erinnerungen hatte wie habe, die eingangs geschilderte vielleicht noch die lebhafteste darunter ist. Als einen ruhigen, etwas in sich gekehrten Mann habe ich ihn in Erinnerung. Einer, der mit verschränkten, vom vielen Arbeiten kräftigen Armen am Wohnzimmertisch bei einer Tasse Kaffee und einem Stück selbstgebackenem Kuchen sitzt, meist den Worten der anderen lauscht, zwar manchmal lacht und weise lächelt und doch nur selten selbst das Wort ergreift. Und wenn er heute noch leben würde, oder ich früher zu dem geworden wäre, der ich heute bin, dann würde ich ihn vielleicht jetzt besuchen und nach seinem Leben fragen. Und auch, ob er glücklich war und ist, früher wie später wie heute. Zumindest wünsche ich mir, dass ich das dann getan hätte. Manchmal im Leben, scheint es einfach seine Zeit zu dauern, bis man zu sich selbst findet. Und wenn wir Glück haben, großes Glück, dann geschieht das bei Zweien zur gleichen Zeit und wir gehen ein Stück des Weges gemeinsam. Aber weil er nicht mehr ist, mein Großvater, muss ich mich selbst und andere aus seinem Bekanntenkreis danach fragen, wer er war und was er vielleicht zu mir gesagt hätte, wenn ich nun, an einem etwas regnerischen Samstagnachmittag wie dem heutigen, vor ihm gestanden hätte. Etwas nervös wäre ich gewesen, und, keine Frage, auch angespannt, wie es sein wird, vor ihm über meinen eigenen Schatten zu springen.
In meiner jüngsten Erinnerung an ihn, war mir die Aufgabe übertragen worden, ihn und meine Großmutter für ein kleines Familienfest, das bei meinen Eltern stattfinden sollte, am späten Mittag abzuholen. Meine Großmutter auf dem Beifahrersitz, er auf dem Rücksitz, ich weiß nicht, ob auf ihrer oder meiner Seiten. Beim Anschnallen hatte ich ihm etwas helfen müssen und wenn ich, wir bereits unterwegs, vereinzelt im Rückspiegel in sein Gesicht blickte, sah er glücklich darin aus. Er lächelte, aus dem Fenster und in die Ferne sehend. Die Ferne, die zeitlebens seine Heimat gewesen war auch wenn ich nicht weiß, ob es das war, was er sah. Und er sang ein wenig, vielleicht nur Melodie oder auch Lied. Demenz, hatte man mir verraten, doch schien er, anders als die meisten in meinem Umfeld, zufrieden mit sich und der Welt zu sein. Und als er starb, Wochen oder Monate später, nahm ich es nicht schwer, hatte ich ihn doch in dieser Erinnerung. Er, im Rückspiegel zufrieden aus den Seitenfenstern auf seine Heimat blickend. Vielleicht war er auch erst so geworden, nachdem er sein Leben vergessen hatte.
Jahre später trug es mich, scheinbar zufällig, wieder vermehrt an die wenigen Orten, an denen wir früher einmal gemeinsam unterwegs gewesen waren. Früher, als ich Kind und mein Großvater nur ein Großvater war. Und bei einem meiner Streifzüge erinnerte ich mich plötzlich daran, dass wir, ganz in der Nähe, an einem sonnigen Frühlingstag gute Bekannte von ihm auf ihrem landwirtschaftlichen Hof besucht hatten, um vielleicht ein Schwätzchen zu halten und auch etwas der Hoferzeugnisse einzukaufen. Weiter erinnerte ich mich, dass hier auch irgendwo, weiter hinten in westlicher Richtung, tief im Wald, ein kleiner Waldenteich versteckt sein müsste. Jener Teich, zu dem er meine Schwester und mich einmal zielsicher zwischen den Bäumen hindurchgeführt hatte. Dort, von Schilf und Sträuchern eingeschlossen, hatten wir auf einem etwas baufälligen Angelsteg eine Raupe beobachtet, die gerade zu einer Libelle wurde, so als hätte sie auf unser Auftreten gewartet. Während wir Kinder, den Atem anhaltend, gespannt beobachten, sagte er uns, dass das etwas ganz Seltenes und Besonderes sei. Er, der als Forstarbeiter wahrscheinlich in Summe ganze Jahre seines Lebens in diesen Wäldern verbracht hatte, musste es wissen, sagten wir uns. Und uns Kindern hätte er ohnehin nichts Besseres sagen können, ist es doch ungemein wichtig, Natur gemeinsam zu erleben, die kleinen, besonderen Dingen darin zu suchen und miteinander zu teilen. Für einen Moment fühlten wir uns an seiner Seite wie kleine Könige, oder mindestens wie kühne Naturforscher; und der Wald war nicht länger nur gewöhnlicher Buchenwald, sondern sagenumwobener Urwald eines fernen Landes.
Im vergangenen Sommer entschied ich, nach diesem Ort meiner Kindheit zu suchen. Ich organisierte mir Karten, kreiste potentielle Stellen ein und erkundete diese Gebiete schließlich nach und nach mit dem Rad, und zu Fuß. Nach wenigen Ausflügen fand ich ihn, den Teich, der für mich Der Waldenteich blieb, schließlich, gar nicht weit entfernt eines Weges und des Tales, durch das ich in der Vergangenheit schon des Öfteren gekommen war. Ich stand nun dort, in der Vormittagssonne ganz alleine am Ufer, und fragte mich, wieso so viele Jahre vergehen mussten, bis ich hierher zurückgekehrt war. Ich hatte die Erinnerung aus den Augen verloren, wie uns das manchmal auch mit den Menschen passiert, für die wir doch eigentlich so sehr empfunden hatten, dass wir glaubten, einander niemals aus den Augen zu verlieren. Und auch wenn ich zu einem Waldenteich zurückkehren kann, gelingt mir das mit den Menschen leider viel zu selten, oder gar nie mehr.
Im Sommer desselben Jahres begann ich auch, meinen Onkel und meine Tante häufiger zu besuchen. Eines Nachmittags saßen er und ich zusammen auf einer verwitterten Bank in ihrem Garten, der Bach nebenan, ein dichtes Blätterdach knapp über unseren Köpfen. Um uns herum, Haselsträucher mittlerweile groß wie Bäume, dazwischen Wege, die man längst nur noch tief geduckt gehen konnte, um darin in ganz verschiedenen Ecken und Nischen des Grundstücks zu verschwinden. Sie, meine Tante, freute sich ebenso über meinen Besuch und brachte uns ein ordentliches Vesper nach draußen, das sie in einer Schubkarre, die unweit von uns beiden stand, Stück für Stück stapelte. Die neugierigen Nachbarskinder scheuchte sie schließlich mit den Worten fort, dass wir ein Männergespräch zu führen hätten. Mein Onkel, schien melancholisch gestimmt zu sein. Ich erzählte ihm, Pessoa hätte einmal gesagt, dass wir, die wir träumen und denken, Buch führen würden und dass das unsichtbare Saldo immer gegen uns spräche. Und so sprachen wir ein wenig über das Leben, die ungelebten Leben und eigentlich vor allem über genau die Fragen, die heute nicht mehr zu beantworten sind. Fragen nach dem Was-Wäre-Wenn Schema. Es war das erste Gespräch dieser Art mit ihm; und ein wenig ungewohnt, überhaupt einmal mit ihm alleine und vertraut miteinander zu sein. Ich beschränkte mich auf wenige Wort und war froh, dass ich, der ich mich heute besonders einsam fühlte, einem anderen lauschen konnte, statt mir und meinen eigenen Gedanken immer und unentwegt zuhören zu müssen. Er erzählte mir zunächst von einer Jugendliebe über die wir lachen mussten, bis ich ihn schließlich nach seinem Vater, meinem Großvater Wilhelm, fragte.
Mein Großvater war kurz vor den nationalsozialistischen Jahren auf einem kleinen Hof, vielleicht an die vierzig, fünfzig Kilometer entfernt meiner Heimat, geboren worden. Seine Mutter, meine Urgroßmutter, die ich nie kennenlernte, muss eine willensstarke Frau gewesen sein, denn sie entschied, ihn, den Sohn eines einfachen Landarbeiters, alleine großzuziehen und schloss eine Heirat aus unbekanntem Grund aus. Als uneheliches Kind dürfte sein Leben zu dieser Zeit kein leichtes gewesen sein, der Vater vielleicht auch längst verschwunden oder für ihn gänzlich unbekannt geblieben. Ob vom Krieg verschluckt oder schlicht auf der Suche nach Arbeit weitergezogen, weiß ich nicht. Ich vermute, dass mein Großvater auf eben jenem Hof hart schuftete und ihm, trotz dessen, die spätere Erbschaft versagt blieb. Wenige Jahre später löste er sich dann, unklar ob etwas Bestimmtes vorgefallen war, und zog fort, immerhin wenige dutzend Kilometer weit. Dort lernte er eine junge Frau kennen, vielleicht bei einem Tanz und sie verlobten sich nach einigen Wochen, dann war auch ein Kind der beiden unterwegs in die Welt. Doch etwas trieb sie auseinander. Was genau es war, kann heute keiner mehr so richtig sagen. Meine Mutter meint, die Eltern der Frau seien gegen diese Bindung gewesen, mein Onkel dagegen, sie wäre von sich aus fortgezogen, meinen Großvater hinter sich lassend. Der damit uneheliche Sohn meines Großvaters, und Halbbruder meiner Mutter und meines Onkels, wuchs selbst, ganz wie sein Vater, unter schwierigen Verhältnissen auf. Verschiedene Lebensgefährten der Mutter, die kamen und gingen. Schließlich, ein Stiefvater, mit dem er sich noch weniger als nicht verstand. Einige Jahre seines Lebens, heißt es, hätte er in Heimen verbracht. Irgendwann, mein Onkel bereits in seiner Jugend, tauchte er bei seinem Vater auf, der längst geheiratet und Vater fünf weiterer Kinder geworden war. Mein Großvater hatte all die Jahre von seinem ersten Sohn gewusst; und konnte oder wollte doch nicht für ihn da sein. Wieso genau, kann heute auch niemand mehr sagen. Mein Halbonkel starb früh, er hatte wohl Zeit seines Lebens sehr viel getrunken, und geraucht. Nach einem ziemlich unglücklichen, vielleicht verwirkten Leben klingt das. Mein Großvater, das uneheliche Kind eines Landarbeiters, mit seinem eigenen, ebenfalls unehelichen Kind. Er, der dieses Dasein selbst am eigenen Leib erfahren und doch nichts hatte besser machen können, soweit denn etwas besser gemacht hätte werden müssen. Wer weiß, ob und welche Spuren das in ihm hinterließ. Andererseits war er ebenso der Vater fünf weiterer Kinder geworden; und wenn sie es taten, sprachen sie nur gut von ihm. Es wäre vielleicht an einem wie Pessoa, das eine gegen das andere abzuwägen. Ich bezweifle, dass der Saldo wirklich gegen meinen Großvater gesprochen hätte.
Während wir sprachen und erzählten, wanderte die Julisonne stetig über uns hinweg. Als sie hinter dem bewaldeten Hang der nahen Klinge zu verschwinden drohte, es schattig wurde, war es an der Zeit, aufzubrechen. Ich verließ sie, meinen Onkel, meine Tante und ihre Gastfreundschaft. Ihn, mit seinen lange zurückliegenden Erinnerungen, die nun vielleicht wenigstens etwas geordneter waren. Und sie, mit ihren scheinbar nie endenden Sorgen über den Alltag. Und ich selbst, ich trug an meiner Einsamkeit; und auch ein wenig am neuen Wissen über meinen Großvater. Und als ich dann aufbrach, alleine in den Sommerabend hinein, da hatte ich mir nichts sehnlichster gewünscht, als dass ich all das nun selbst jemandem hätte erzählen können. Ohne, dass ich hätte sagen können, wieso mich das heute überhaupt interessierte. Diese alten Geschichten von noch älteren Menschen, die längst gestorben sind. Ich weiß nicht so recht, aber vielleicht, weil ich in diesem Sommer begonnen hatte, etwas zu sehen, das ich früher gar nicht wahrgenommen hatte. Vielleicht hatte ich erst jetzt begriffen, dass Menschen tatsächlich Menschen sind, weil ich genau davor immer davongerannt war. Einfach, weil dann alles so viel leichter fällt, musste ich so, selbst einsam genug, wenigstens nicht die Einsamkeit der anderen mitansehen. Trotzdem aber fühlte es sich gut an, das Sehen zu lernen. Nur, es fühlt sich nicht immer auch gut an, was man dann sieht. In den Menschen, und in der Welt.
Vielleicht werde ich in den kommenden Tagen einmal in die einstige Heimat, Ort der Kindheit meines Großvaters, fahren. Ich werde dort am Ortsrand, vielleicht an einem kleinen Waldstück, oder, wenn es eine Kirche gibt, dann vor ihr parken, und alleine durch diese Ortschaft längst vergangener Tage spazieren. Ich werde nicht wissen, in welchem der wenigen Höfe er einst gelebt hat. Aber ich glaube, dass das auch gar nicht so wichtig ist. Ich werde mich einfach still umsehen, und ein wenig lauschen. Und wenn ich jetzt an die Geschichte, die teils bekannten, teils verborgenen Umstände des Lebens meines Großvaters denke, frage ich mich, ob er nicht insgeheim ein einsamer Mensch gewesen war. Einer, der die dunkle Seite des Mondes nicht nur gespürt, sondern tatsächlich auch gesehen hatte. Er, der von ihr wusste, und sie verstand. Jetzt erscheint auch der Gedanke nicht länger abwegig, dass er diese Worte tatsächlich zu mir, dem kleinen Jungen, der vor sehr vielen Jahren einmal vor ihm stand, gesagt hatte.
2020/05/17