Sein Blick ist es, der am Rückspiegel haften bleiben, noch Jahre später darin nach ihr suchen würde. Vergeblich zwar, doch wird ihn das nicht weiter kümmern. Zumindest noch nicht, solange es nur weiterhin Gegenden gibt, in die er noch nicht kam, einzig, um ihn von dort zu wagen, diesen Blick zurück, zurück zu ihr, der sie dort einmal stand, vor diesem Haus alleine. Und vielleicht auch würde er sie alle eintauschen, die für später einmal gedachten Eindrücke vor seinen Augen gegen einen einzigen, der dahinter, gleich der vielen Jahre, noch immer vage zu erkennen blieb, während sein Blick vom Vorüberziehen dieser unzähligen Orte zwar nicht so müde geworden wäre, dass er nichts mehr hielte, wohl aber trüb. Denn das, was er suchte, wollte sich darin nicht wiedereinstellen, wurde nie mehr klar, gleich wie häufig er auch nach vorn und wieder zurückschauen mochte. Seine Augen, sie kehrten doch immerzu zum Rückspiegel zurück, verloren sich für einen Moment darin, bis ihn etwas unsanft in die Gegenwart katapultierte.
Mir gefiel dieses Bild, wie da diese beiden Menschen, aller Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, doch wieder aufeinandertreffen und nun, tatsächlich einmal gemeinsam, durch den zuvor für eigentlich allzu gewöhnlich geglaubten Sommernachmittag spazieren. Die beiden, die insgeheim längst schon voneinander getrennt sind, doch einem nicht zu fernen Beobachter in diesem Moment sehr vertraut wirken mögen (weil sie es auch waren; auch wenn sie einander nicht unbedingt verstanden, heute in gar keiner Hinsicht und auch gestern nicht unbedingt in besonders vielen). Und sie ist es, die vielleicht schon alles geahnt, den Entschluss längst für sich gefasst hat, er sich aber währenddessen, das große Haus endlich einmal vor Augen, ausmalt, hier gemeinsam mit ihr, die er sie (noch immer) liebt, zu leben, denn noch ist, wie er dereinst glaubt, nichts endgültig entschieden oder gar verloren. Und wenig später, die Trennung zwischen ihnen nun mit harschen Worten tatsächlich und allem Anschein nach auch abschließend ausgesprochen, steht er noch einmal dort, umarmt sie auf ihren Wunsch hin, wohl für das letzte Mal in seinem Leben (ja, es sollte tatsächlich das letzte Mal sein). Und wieder hat er, der er jetzt unmöglich seine Augen davor verschließen kann, dieses Haus, ihr Elternhaus, Haus ihrer Kindheit und Jugend, groß vor Augen, nur aus einer gänzlich anderen Perspektive (sicher, nicht nur ein gewöhnlicher Blickwinkel ist es, der sich unweigerlich verschoben hat). Dieses streng genommen gar nicht so besondere Haus auf dem Lande, das zuvor nie so wirklich dagewesen war, zumindest nicht für ihn (denn auf einen Besuch war er nie eingeladen worden), und doch immer eine, wie er fand, viel zu große Rolle zwischen ihnen gespielt hatte (und wenn nur ihrer Eltern wegen, die aus dem Verborgenen heraus Einfluss ausgeübt hatten, schon allein aufgrund der ihr von Kindheitstagen an in aller Strenge mitgegebenen Religion, der sie ihm nicht selten allzu sehr verfallen schien). Nun sind es seine Träumereien, die, während er sie fest an sich hält aber längst nichts mehr dabei fühlt, Stück für Stück zerbersten, sein gedanklicher Rückzug von ihr und diesem Leben zusammenfällt mit dem, wenn auch fiktiven, Zusammenbruch des Hauses. Ihn, den er praktisch mitansieht, dabei gewissermaßen von einem Raum zum nächsten wandelnd, das Mobiliar scham- oder eher hilflos verfeuernd wie seine Erinnerungen, bis nichts mehr da ist, nichts mehr ihn warmhält. Sei es, weil zum Verfeuern nichts mehr übrigbliebe, sei es, weil das, was noch ist, nicht mehr dazu taugt, so wie das mit Erinnerungen irgendwann der Fall ist, wenn sie zu weit in der Vergangenheit zurückliegen, zu lange und häufig schon (ungeachtet aller gut gemeinten Ratschläge und Warnungen) wieder und wieder hervorgeholt worden waren, nur um dabei etwas anderes als das Heutige zu fühlen, wenigstens einen lauwarmen Rest früherer Tage nachempfinden zu dürfen. Das nämlich ist sie, die ganze Krux mit dem Erinnern. Ihr Feuer, ihre Wärme währt nicht ewig; und es wäre gerade für ihn angeraten gewesen, diese Erinnerungen an gute Zeiten zu hüten, wie eine nahezu heruntergebrannte Kerze, die dazu gedacht bliebe, ausschließlich in größter Dunkelheit hervorgeholt zu werden (freilich, wenn es gute Zeiten, oder zumindest mehr davon, gegeben hätte, wäre auch sein Vorrat nicht so rasch zum Erliegen gekommen; doch das ist eine andere Geschichte).
Ob zwischenzeitlich nur wenige Sekunden oder gar ganze Minuten vergangen sein mögen, bleibt unklar, dem Betrachter wie den beiden (woran hatte eigentlich sie, während er sie hielt, sie sich ein letztes Mal fest an ihn presste, gedacht?). Sie stehen jedenfalls noch dort, umarmen weiter einander, er aber hat nichts mehr so wirklich vor sich, weder in den Armen, noch dem Leben (nur Einsamkeit, und davon mehr, als er je gewollt oder es geahnt hätte). Auf sie wartet dagegen ein neues und doch wohl eher gewöhnliches Leben. Ein Leben, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an der Seite eines anderen Mannes stattfinden wird. Ein Mann, der besser zu ihr passen, keine ständigen Zweifel und Vergleiche in ihr auslösen wird (den Eltern schon bald darauf vorgestellt, werden sie sich in einem Moment, in dem sie sich unbeobachtet wähnen, beifällig zunicken). Die bis dahin noch Vertrauten, lösen sich jetzt aber mit einem Ruck auch körperlich voneinander (vielleicht hatte sie ihn ohnehin nur deshalb gemocht; nicht, weil sein Körper auf irgendeine Weise besonders gewesen wäre, wohl aber der einzige, den sie kannte und berührte); und er steigt ein, mit noch immer genau diesem Körper, der einst vieler Nächte lang neben ihr gelegen hatte (wahrscheinlich waren es doch gar nicht so viele), und fährt schlussendlich fort davon, verschwindet aus ihrem Leben, so wie sie sich das gewünscht, eher noch von ihm eingefordert hatte (wenn auch zwischen den Zeilen, doch dafür erstaunlich deutlich, wie das nur eben jene vermögen, die als Geliebte einen Ungeliebten davonschicken müssen; denn ohne zu verletzen, funktioniert das nun einmal nicht). Sie aber bleibt, es ist ihr Haus, ihr Zuhause, und sie geht langsamen Schrittes darauf zurück, wischt sich noch hastig, fast eine Spur ungehalten, die Tränen aus ihrem traurig-schönen Gesicht (manchmal hatte er gedacht, es wäre schöner, je trauriger sie ihm schien; doch ausgesprochen hatte er es nie). Dass er nun gegangen sei, wird sie unaufgefordert zu ihren Eltern sagen, die sie im Inneren allzu geschäftig der häuslichen Arbeit nachgehen, vielleicht nicht glücklich darüber sind, ausgerechnet das eigene Kind unglücklich zu sehen, wohl aber froh, dass sie den jungen Mann, der ihnen insgeheim immer suspekt geblieben, im höchsten Maße aber ungeeignet erschienen war, in die Wüste schickte, nun frei für eine standesgemäße, andauernde Verbindung sein würde (als hätten sie nicht durch eines der kleinen Fenster der heimeligen Wohnküche angespannt hinausgesehen zu den beiden, wie sie da noch für einen letzten Augenblick neben den Birken standen, genau zwischen zwei Leben hingen, bis nicht der Tod, wohl aber ein Herzschlag sie scheide, sodass die Mutter schon Angst litt, ihr Mädchen nähme ihn am Ende doch wieder zu sich zurück und auf in ihr dummes Herz; um ein Haar wäre sie deshalb auch kurzerhand aufgesprungen, wäre unter irgendeinem Vorwand nach draußen geeilt, so wie das nur eine wohlmeinende Mutter tun könnte, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorge). Aber zum Befürchten gab es keinen Anlass, irgendetwas gab schlussendlich den Ausschlag (vielleicht tatsächlich ein Herzschlag, ob ihrer oder seiner, die nicht länger im Gleichklang schlagen wollten, vielleicht aber auch das sanfte Rauschen des Windes im Geäst der Birken) und nach ihm umdrehen, einen einzigen Schritt in seine Richtung gehen, das wird sie nicht. Heute nicht, und auch Morgen nicht. Sein Blick dagegen wird am Rückspiegel haften bleiben, auch Jahre später noch darin nach ihr suchen (vergeblich). An lauter Orte wird er kommen, an denen sie ihm fehlen wird. Nicht aber, weil die beiden ausgerechnet hier einmal zusammen gewesen wären (waren sie nicht), sondern weil ihm schien, als wäre allein er es, der schon einmal hier gewesen war, hätte sie bereits damals, in irgendeinem anderen, vorherigen Leben, genug vermisst, dass es diesem Ort, den er gerade doch das erste Mal betrat, anhaftete, wie die Erinnerung an etwas Tatsächliches (denn ja, das gibt es, dass uns Orte nur deshalb erinnern; nicht obwohl, sondern gerade weil uns an ihnen etwas fehlte, das inniger war als das reale, nun vor uns und unseren müden Augen liegende).
Später einmal wird er bei einer Gelegenheit, vielleicht einem unerwarteten Anflug von Sentimentalitäten geschuldet, ein wenig in dem, was er früher niedergeschrieben hatte, stöbern. Und er wird mit Verwunderung diese Worte, zweifelsohne nun vor Augen, seiner Handschrift und sogar fein säuberlich bis auf Tag und Stunde genau datiert, mit seinen Erinnerungen, die freilich weniger sortiert anmuten, mehr wie ein vom Wind in Unordnung gebrachter Stapel Papier, einer losen Ansammlung an Fragmenten gleichen, sorgsam gegeneinander abwägen, in Einklang zu bringen versuchen, und dabei schlussendlich doch nur feststellen müssen, dass sie, diese Worte, wohl noch nicht einmal gelogen oder ausgedacht waren (was ließ ihn annehmen, er hätte zu lügen gebraucht, wenn nicht ausgerechnet seine Fantasie, mit der es ihm zu oft schon durchgegangen war?). Denn er hatte sie tatsächlich auf diese Weise das letzte Mal gesehen, dort, allein neben dem Haus stehend. Und auch war es lange Zeit so gewesen, dass es einzelne Orte gab, die ihm wie verbrannte Erde schienen, denn wenn er alle Jahre einmal dorthin kam, erinnerte er sich nur daran, dass sie ihm hier früher schon gefehlt hatte (wenn er in Gedanken und eine Spur zu hastig, wie das für ihn üblich war, am Meer entlang spazierte, sah er sie barfuß und verträumt in den Wellen stehen. Wenn er auf einem staubigen Dorfplatz im Schatten eines Baumes ruhte, erblickte er sie, lächelnd und mit einem frischen Brot unter dem Arm aus einem der kleinen Läden kommend. Und wenn er am Abend einschlief, griff er manchmal wie im Fiebertraum zu ihr hinüber, die sie dort nicht lag, Gewitter und kurz darauf niedergehender Sommernachtsregen hin oder her). Neu aber daran war, dass ihm gar kein so rechtes Gesicht mehr zu diesen Erzählungen einfallen wollte; und er wunderte sich, ob er sie überhaupt erkannt hätte (hätte er, wenn sie einmal dort gestanden wäre? Hatte sie nicht vielleicht sogar, irgendwann und irgendwo?), noch ob wirklich von Bedeutung war (für wen?), nach wem genau er dort eigentlich Ausschau gehalten hatte. Er, mit seinem scheinbar ewig suchenden Blick zurück, Ortschaft um Ortschaft beinahe rücksichtslos im Rückspiegel verschwindend (bis zum nächsten Mal, sagten sie still, die Ortschaften, murmelten einander von stattlichem Kirchturm zu Kirchturm zu, dass er sicherlich bald wieder käme, denn arg verwundert wären sie, er würde einmal finden, wonach er wohl zu suchen glaubte). Seine Augen, sie waren noch immer tiefblau, doch der Blick darin mit den Jahren tatsächlich nicht mehr ganz so klar, ein wenig trüb geworden, so wie das vielen passiert, die ihn zu sehr nach innen richten, gar stumpf darüber zu drohen werden, wenn sich auch alles noch so vermeintlich Neue links und rechts des Weges bei genauer Betrachtung nur als Altes, längst Bekanntes herausstellen mag. Und er fragte sich nun ebenfalls, vielleicht einen leisen Zweifel als letzte Stimme der Vernunft wahrnehmend, ob es sie wirklich und wahrhaftig gegeben hatte, diese junge Frau mit dem traurig schönen Gesicht, eines Sommertags ein letztes Mal unterwegs mit ihm an den längst verwitterten Bahngleisen, zwischen den staubigen Feldern und unweit den leise im Wind raschelnden Birken. Irgendwann früher, in welchem Leben, ob erinnert oder erträumt, auch immer. Hatte es sie wirklich gegeben, in seinem Leben? Denn ebenso plausibel wäre durchaus, dass er, der es schon häufig nicht so genau mit der Wahrheit nahm, auch damals, fein säuberliche Datierung in seinem Tagebuch nun hin oder her, alles Mögliche notiert hatte, nur weil ihm gerade der Gedanke daran gefallen hatte, der Klang der Worte ihm ausgerechnet an diesem Tag einmal schön genug vorgekommen war, um nach einem Stift zu greifen. Vielleicht hatte er ohnehin nur zu schreiben begonnen, um später einmal etwas zum Erinnern zu haben (und wenn nicht dafür, dann meinetwegen zum Grübeln, was, in Anbetracht seiner Einsamkeit, wahrscheinlich auf ein und dasselbe hinausliefe). Er sah sie nicht mehr, nicht vor Augen und auch nicht dahinter, spürte nur, dass ihm etwas fehlte.
2025/10/09
(Dies nun als einen ergänzenden Kommentar zu meiner früheren und kürzlich überarbeiteten Erzählung „Alles, das ich nicht bin“, denn er beschreibt, worum es mir darin gegangen war. Dieses Bild, das ich hatte zu zeichnen versucht. Irgendwann später, wenn es an der Zeit dafür war; und es war, viel zu lange schon. Gleichwohl, und das muss ich sagen, gefällt mir dieser Kommentar besser als die eigentliche Erzählung.)