Vom Sommerregen, und seinem Duft auf nassem Asphalt reden viele; doch kennst Du diesen anderen Geruch, der mit einem Male am Ende eines langen, nicht selten sonnenreichen Sommertages in der Luft zu liegen scheint? Dann, wenn zwischen den Hügeln wieder erste Schatten entstehen, und die Luft mit der schon bald einsetzenden Dämmerung nun schließlich ein wenig Abkühlung erfährt? Ich glaube, das, was man riecht, ist die zarte Luftfeuchte, die sich auf den Staub, das ausgedörrte Gras, die müden Bäume legt; und ich könnte schwören, man könne dann mit etwas Glück sogar die einzelnen Kieselsteine eines Weges riechen. Diesen Geruch, ich nahm ihn während meinem scheinbar endlosen Dahinfahren war; er flog zu mir hinein, während ich es war, der durch die Landschaft flog. Und er erinnerte mich; nur woran, das wusste ich nicht.
In einer Erzählung gehört habe ich gestern vom Weder-noch-Licht*, dem Dazwischen aus Tag und Nacht; und ich mochte diese Worte augenblicklich, dachte hin und wieder darüber nach, während ich immer weiter und weiter durch das Land bis hinauf in den Norden fuhr. Heiß war es zu Beginn, sehr sogar, doch ließ es schließlich etwas nach, irgendwo zwischen den Hügeln und Städten, bis es Stunden später, längst keine Hügel mehr in Sicht, sondern ringsherum nur noch Felder wie Kiefernwälder, fast schon kühl, doch damit auch ungewohnt schön war. Schön genug, dass es mich wundern ließ, wie es wohl wäre, wenn der Sommer nun immer so bliebe; und ich dazwischen nicht weniger in der Schwebe. Eine kleine Reise also; auch wenn ich dieses Mal nicht fotografieren würde – und mir damit der Weg zurück in frühere Zeiten, die ich hier so verbracht und nie wirklich vergessen hatte – versagt bleibe. Ein Ferienhaus, von Bekannten angemietet, wird mir Unterkunft sein; auch wenn ich nicht wirklich hineinpasse, bin ich doch der, der alleine ankommt – und alleine geht. Doch der Sommerhitze entfliehen, eine Handvoll einfacher Tage zu verleben, ist vielleicht nicht das schlechteste – und wenn es nur war, um einmal wieder unterwegs zu sein, durch neue wie bekannte Teile des Landes zu fahren. Kurz nach dem Sonnenuntergang kam ich der Küste endlich näher, fuhr schließlich über die große Brücke, die Insel und Festland verbindet, drehte die Musik noch ein wenig lauter, denn mein Glück war es, dass sie in mich einging, und der Zufall wollte es, dass ich gerade in diesem Moment ein Lied wiederfand, das mir schon früher so viel bedeutet hatte und nun passte, wie kaum ein anderes. Im Westen glühte der Himmel eifrig nach; und ich rauschte weiter dahin, längst auf nahezu gänzlich verlassenen Straßen, unter Baumalleen und durch Dörfer hindurch, bog schließlich ab, kannte diesen Weg seit fast zwanzig Jahren und fand mich kurz darauf am Ende eines kleinen Schotterweges wieder. Hier, das riedgedeckte Haus am See, von Bäumen umstanden; und im Rücken die Wiesen, und schließlich noch etwas dahinter, kaum einen Kilometer entfernt, auch wieder das Meer. Verblüffend frisch war es jetzt, wie ich ausstieg und mich streckte, dämmerte noch immer, beinahe zeitlos und fern jeder Hast, vor sich hin, gleichwohl längst halb elf; und ein Sichelmond stand still und leise am dämmerblauen Himmel. Die Wahrheit ist: wahrscheinlich war genau das der Moment, auf den es angekommen war. Alles andere – ist nebensächlich, bleibt und wird nur Hinleitung wie Abspann sein.
2025/07/01
* Marcus Roloff, mein gleiwitz, 2008