Nur fünf Minuten länger und ich hätte noch begonnen, Dir mein ganzes Leben zu erzählen; zehn Minuten länger und alles wäre gesagt gewesen und wir hätten uns wahrscheinlich niemals wiedergesehen. Aber, das haben wir ja dann auch so nicht. Und auch wenn ich nicht anders konnte, unbedingt etwas sagen musste, es vielleicht sogar weder das richtige noch falsche gab, wünschte ich mir nun doch, dass ich es nicht getan, nur geschwiegen hätte, scheint mir doch immer öfter, dass es besser gewesen wäre, keine Erfahrungen zu machen, statt immer denselben. Bin ich mit Menschen, verlerne ich mein Träumen.
Kennst Du das, wenn Du an einem Ort bist, vielleicht hier tatsächlich lebst oder auch nur zu Besuch bist, dieses Kapitel, einen Lebensabschnitt wie man gemeinhin sagt, eigentlich noch gar nicht vorüber ist, doch Du längst spürst, dass es zu Ende gehen wird? Und nicht nur, dass Du das spürst, nein, sondern auch mit Deinen Gedanken bist Du nicht mehr wirklich hier, stattdessen bereits in dem, was kommen wird? Selbst, wenn ungewiss scheint, was dann sein würde? Und überhaupt, was könnte schon groß folgen, wenn nicht aller Wahrscheinlichkeit nach einfach eine andere Einsamkeit; erst jene der Herbstreisen, dann die der darauffolgenden Wintertage. Verloren scheinen mir mit einem Male ebenso die zurückliegenden wie vielen Stunden und Tage, die noch blieben, bin ich doch jetzt dazwischen; und damit nirgendwo wirklich. Vielleicht gälte es dann, sich gar nicht erst dagegen zu wehren, sondern sie vielmehr mit offenen Armen zu begrüßen, so als wäre dies das einzige Geheimnis einer guten Einsamkeit – so zu tun, als hätte alles seine Richtigkeit. Weil, ich spürte sie heute, diese neue alte Einsamkeit. Dass die eine ging, und eine andere an ihrer Stelle kam. Vielleicht umso mehr, weil ich gerade in diesen Tagen das ungewohnte Gefühl hatte, tatsächlich hier Fuß fassen zu können. Plötzlich gab es da Gesichter, die ich wiedererkannte. Gesichter, mit denen ich ein Lächeln austauschen oder gar wenige Worte wechseln konnte, wenn mir der Sinn danach stand, wir uns begegneten. Beim frühmorgendlichen, Brötchenholen, oder auch dem älteren Herrn, mit dem ich eine kleine Ewigkeit lang dieselbe Parkbank teilte, mir kaum ein Schmunzeln verkneifen konnte, hatte er, der mir schon häufiger aufgefallen war, einen so großen Wert des Wiedererkennens, dass ich mir nie hätte erträumen können, tatsächlich einmal schweigend hier mit ihm zu sitzen. Er, auf den ich eines Nachmittags aus der Distanz heraus sogar Acht gegeben hatte, während er sein Nickerchen hielt, bis er irgendwann wieder erwachte, auf die Uhr sah und dann, freilich vom Alter etwas gebeugt, weiterging, wie ich es selbst schon längst hatte tun wollen, nur aber gewartet hatte, bis ich ihn in Sicherheit wusste. Oder etwa samstagmorgens, wie ich ein gutes Stück des Weges um den See gemeinsam mit jemandem gerannt war, wir uns in fast wortloser Übereinkunft auf unserer Laufrunde gegenseitig in der Geschwindigkeit forderten, bis wir dann in verschiedenen Richtungen weiterzulaufen hatten. Angefühlt hatte sich das für einen Moment, als würden wir am selben Strang ziehen. Und wer weiß, vielleicht hätten wir uns an einem anderen Tag wiedergesehen. Ich hätte das geliebt, hier jeden oder meinetwegen auch nur jeden zweiten oder dritten Morgen mit ihr um die Wette zu rennen. Vielleicht gerade weil wir uns nicht kannten, nichts weiter waren als Läufer.
Und dann, dann bist da natürlich auch Du. Dein Gesicht, das jetzt nicht nur einen Namen trägt, sondern dem auch ich zumindest vage bekannt bin. Auch Du kennst nun meines, weißt, wie ich heiße und sogar ein wenig davon, wie mein Leben für gewöhnlich so ist, wenn wir uns nicht gerade zufällig hier am Fluss zum Schwimmen begegnen, ich doch einmal das Gespräch mit Dir suche, wenn mir etwas keine Ruhe gelassen hat. Sicher, wenn ich dieser Tage nun wirklich abreisen sollte, bin ich vielleicht nicht ganz aus der Welt, doch irgendwie fühlt sich das, was mit uns gerade geschieht, trotzdem danach an. Weil, wer fände schon die Kraft über diese Distanz und Zeit in Kontakt zu bleiben? Also lasse ich mit Dir notgedrungen wieder einmal einen Menschen zurück, den ich nur zu gerne wiedergesehen hätte. Vielleicht sogar an jedem Tag; auch wenn ich mir darunter eigentlich gar nichts so richtig vorzustellen vermag, denn so jemanden hatte es zuvor noch nie gegeben. Ich meine, wie oft soll das noch sein, dass ein jeder wieder verblasst, ich alle Jahre wieder ganz von neuem beginnen muss?
2024/09/06