… und gewartet, gewartet habe ich. Vielleicht einfach nur darauf, dass nie wieder etwas anderes geschehe.
Dort, am Stadtrand, inmitten der beiden Flussarme und nur ein paar Schritte den Hang hinauf, jetzt oberhalb der Ufer mit den sandigen Buchten und einer Handvoll alter Weiden, die sich an diesem entlang verstreuten und dabei kühn über das Wasser hinauslehnten, so als wollten sie nach dem gegenüberliegenden Ufer greifen, hast Du mich das erste Mal richtig angesehen. Ich war häufig hier vorübergekommen, jahrelang sogar, und hatte stets flüchtig hinuntergesehen zu denen, die dort in kleinen Grüppchen und Paaren munter in den Fluss wateten, vorsichtig über Steine und Geäst balancierten. Aber nicht im Traum hätte ich mir vorstellen können, dass ich selbst einmal dazugehören, auf der Wiese mit dem mittlerweile fast brusthohen Gras Dir gegenübersitzen, wir uns einander stundenlang Geschichten erzählen könnten. Mit den Rädern an der Hand standen wir nun oben auf dem Wall, hatten uns zuvor regelrecht heißer geredet, bis es an der Zeit war, wir längst losmussten, wenngleich in verschiedene Richtungen auch wenn ich mir bereits gewünscht hatte, es käme anders. Und ich dachte noch, dass es das nun wäre, Du Dich umdrehen und gehen würdest, doch Du bliebst stehen. Wieder ein paar Schritte entfernt, wie schon an diesem Abend vor ein paar Tagen. Und Du hast mich angesehen. Nicht einfach nur so, kein allzu flüchtiges, unbedeutendes Streifen zweier Blicke, die nicht so recht aneinanderhaften bleiben wollen, wie ich dem längst schon überdrüssig geworden war, regelrecht kaum noch ertragen konnte bei diesen alltäglichen, immerzu banalen Begegnungen, die gerade in dieser Stadt zu nichts führen wollten, sondern ausnahmsweise so, als wolltest Du mir einen ellenlangen Brief schreiben. Einer, der wer weiß wo beginnen und enden, vielleicht gleich ganze Jahre umspannen könnte. Einer, der mal munter, mal tief wie stille Gewässer daherkäme. Wie ich ihn auf mir ruhen spürte, diesen Blick, über die Schritte zwischen uns hinweg, die mir fast wie abgezählt vorkamen, schien es, als würdest Du stumm erzählen, wovon Du wohl glaubtest, es mir nicht einfach sagen zu können, gleich wie viel Zeit wir den Nachmittag und frühen Abend über miteinander gehabt hatten, ja selbst jetzt noch geduldig voreinander standen, ohne uns weiter zu rühren, während zu unserer Seite die Augustsonne mehr und mehr hinter den Baumwipfeln des nahen Parks verschwand, die Schatten auf der Liegewiese längst tagelang geworden waren. Vielleicht warteten wir darauf, dass etwas bestimmtes oder überhaupt etwas geschähe. Darauf, dass eine der schrecklich vielen Tauben dieser Stadt plötzlich des Fliegens überdrüssig wäre und vom Himmel hinunterfiele, ein Wind bliese, der uns geschwind in jene ferne Länder, über die wir eben noch gesprochen hatten, mitnähme, oder schlicht, dass jemand, den einer von uns beiden flüchtig kannte, ein Student aus meinen Kursen, eine Freundin aus Deiner samstäglichen Laufgruppe, hier vorüberkäme und in das, was auch immer wir da gerade taten, hereinbräche. Nichts davon passierte. Der sonst so frequentierte Fußweg lag verblüffend still da; und ich bin gar nicht so sicher, ob es wirklich etwas geändert, Dein Blick von meinem abgelassen hätte, bevor nicht alles gesagt und erzählt war.
Ohnehin, sowie wir uns kennenlernten, mochte ich das sofort, mochte es viel zu sehr, diesen langen Deiner Blicke fest auf meinem Gesicht zu spüren, angesehen zu werden, so als sähest Du einmal wirklich mich; und auch, als könnte da etwas zwischen uns sein, das über das bisherige, uns gerade erst in den letzten Tagen so vertraut gewordene, hinausgehen, auch wenn ich mir gar nicht so sicher war, ob es wirklich ein Anfang oder doch das Ende sein würde. Wieder war mir zumute, als hätte ich nur meine Hand danach ausstrecken müssen, hätte Dich nur ein einziges Mal berühren müssen, der Du dort vor mir in der Abendsonne standest. Vielleicht, dass ich Dir eine störrische Strähne zurück hinter ein Ohr geschoben, vielleicht, dass ich mit einer Fingerspitze flüchtig über Deine Wange gestrichen hätte, wie ich mir das zwar schon vorgestellt, doch einfach nicht hatte verwirklichen können. Und ich wollte, wollte das vermeintliche Zögern mit einem passenden Satz, einer Zeile überspringen, die Gelegenheit ergreifen und damit endlich über mich selbst hinauswachsen, doch wie, wenn ich mich längst in diesen Blick verliebt und ihn für nichts auf der Welt wieder hatte verlieren und hergeben wollen? Stattdessen habe ich also lieber geschwiegen, und ihn ebenso still und gespannt erwidert, denn dass Du Dich auf mich verlassen konntest, komme was wolle, es wegen mir auch gar keiner Worte bedürfe, das wollte ich Dir am allermeisten zeigen. Und gewartet, gewartet haben wir vielleicht beide. Vielleicht doch darauf, dass nie wieder etwas geschehe, konnten wir doch anders gar nicht sein. Und dann, dann hast Du doch etwas gesagt. Nur eine Kleinigkeit, kaum ein ganzer Satz war das gewesen. Du. Bist niemand. Zum Lieben. Das ist, was Du nun laut aussprachst, hier zu mir, am Ufer mit den ewig alten Trauerweiden, die sich jetzt noch eine Spur weiter hinüberbeugten, über den Fluss zu ihren Füßen, alten Klatschweibern in den Fenstern des Kasernenviertel gleichend, so als wollten sie alles ganz genau mitanhören, konnten im ersten Moment gar nicht deuten, was sie da eben mitbekommen zu haben glaubten, wenn es denn keine akustische Täuschung, nur der verwegene Scherz des immerzu und doch verschieden glucksenden Flusswassers gewesen war. Doch ich, ich wusste selbst gar nicht so recht, was das eigentlich bedeuten sollte, hatte ich ja nur geschaut, gar nicht erst nach Deiner Hand gegriffen. Nur dass nun doch etwas anders geworden war, nicht nur der Sommertag, sondern auch wir ein rasches Ende fänden, das verstand ich wohl, denn Deinen Blick, den spürte ich nicht mehr auf mir. Aber, liebe Rosalie, Du hättest gar nichts zu sagen gebraucht, denn ich mag zwar etwas langsam, nicht aber schwer von Begriff sein; und wenn, wären mir immer noch die Trauerweiden geblieben, die es geduldig erklärt hätten. Sie, die sich nun entspannten, beruhigt zurücklehnten und das Tuscheln untereinander wieder sein ließen, denn was da zwischen zwei Menschen ist oder gerade nicht ist, das hatten sie hier schon hundertmal erlebt. So oft, dass sie darüber ganz alt geworden waren.
2024/03/17
(Die Fortsetzung zu „Sieh mal, es hat sogar Sterne“.)