Prolog
Um einander zu verstehen, müssten wir sein, wer wir nicht sind. Doch wären wir erst jener anderer, um den wir uns so sehr bemühten, dass wir dafür sogar bereit wären, uns zu verleugnen, würden wir ebenso wenig begreifen, sind wir uns doch selbst das größte aller Rätsel. Ich halte inne, lausche angestrengt in mich hinein, doch alles, was ich dabei erfahre, ist nur das leere Echo meines eigenen Horchens, das von scheinbar undurchdringlichen Wänden dumpf widerhallt, mir fast höhnisch zurückschlägt. Dann ist es still, nur für einen Augenblick, doch gerade lange genug, dass ich fürchte, mit meinem Horchen ein umgeschriebenes Gesetz gebrochen, eine riesengroße Unverschämtheit begangen zu haben. Vielleicht, dass es mich von nun an gar nicht mehr gäbe, selbst mein nach mir Horchen absorbiert würde. Bei alledem einzig gewiss scheint, dass ich als ein Fremder ein- und ausgehe, in der Welt, wie in mir selbst; und dass ich mir ebenso viel zu innig, wie schrecklich weit distanziert bleibe.
I | Träume
Weit unter uns, ein Meer aus tausenden von Lichtern. Darüber, die Abenddämmerung, nicht weniger weit, nicht weniger unbestimmter Entfernung und Ausmaß. Es ist, als wäre da mit unserem Erscheinen etwas klammheimlich vertauscht worden, das tiefe, dunkle Blau zu unseren Köpfen, das Licht vor uns zu Füßen. Dazu, hinter unseren Rücken und den dicht bewaldeten Hügeln, die letzten, längst vagen Spuren eines Sonnenuntergangs, die mehr zu ahnen als zu erkennen sind und auch nur, wenn man weiß, dass es ihn gab. Die Stadt, scheinbar endlos ist sie, reicht spielend von hier bis mindestens zum Horizont hin. Und doch haben wir mit unserem Aufstieg ihren Anfang gefunden, haben sie bezwungen und stehen nun, wie auf Klippen an den Küsten dieser Welt, hoch über ihr, während sie dort unten, der Brandung gleich, dagegen anläuft. Langsamer vielleicht, gewiss, doch auch sie frisst sich Stück für Stück voran. Spiegelungen der unzähligen Straßenlaternen und Verkehrsströme in Fluss und Fassaden sind zu sehen, das An und Aus der Lichter in den Wohnungen und Bürogebäuden blinkt schwach, flimmert fast und auch ein Schiff, das lautlos und bestimmt unter weiten Brücken hindurch in die Ferne fährt, ist dort unten. Staunend sehen wir auf all das, und ob nun aus Ehrfurcht oder einem anderen Grund, flüstern wir miteinander. Nach und nach, anfangs ganz zögerlich, beginnen in den Baumwipfeln um uns herum die Vögel ihre allabendliche Unterhaltung, fühlen sich kaum von uns gestört, die wir hier hereingebrochen waren. Ganz anders klingt es, dieses Zwitschern, als noch in der Morgendämmerung. Vielleicht, weil es nun so viel mehr zu erzählen gibt, vor der Nachtruhe kaum mehr genug Zeit bleibt. Wir dagegen schweigen schließlich. Nicht, weil wir uns jetzt nichts mehr zu sagen hätten, sondern weil es Stille ist, die wir einander zu verstehen geben möchten. Ein Schweigen, das ist niemals nichts, im Gegenteil, es ist ungemein viel, reicht es spielend auch bis dorthin, wo Wörter nicht zu hören sind. Und das, was vielleicht einmal zwischen zwei Menschen sein kann, verlangt doch ohnehin keiner Worte; noch dass es die passenden dafür geben könnte. Minuten vergehen, vielleicht eine, vielleicht fünf. Dann treten wir vom Aussichtspunkt zurück, ein kurzer Blick in die Augen des anderen gab den Aufschlag, ein wortloses Einverständnis zum Aufbruch in die Nacht hinein. Der Moment der Stille, der Augenblick unserer vielleicht ersten wirklichen Innigkeit, fällt von uns ab, wir verfallen ins Laufen. Seite an Seite den fast zu steilen Weg im schummrigen Restlicht hinunter, dahinter hinaus auf den großen Parkplatz, der uns empfängt wie ein übereilt verlassenes Spielfeld nach einem ausgetragenen Wettkampf. Dunkelheit in den Baumwipfeln außen herum, dazwischen die fernen Wiener Lichter, die durch das kahle Baumgerippe vor dem Nachthimmel dringen. Nur ganz in der Mitte, ein hell erleuchteter Bus, der auf uns, gleich ob wir nun als Sieger oder Verlierer auftreten, zu warten scheint. Du nimmst mich bei den Händen, ziehst mich lachend weiter hinaus und wir beginnen uns schneller und schneller umeinander im Kreis zu drehen. Immer schneller und schneller, bis wir vor Lachen und Schwindel kaum noch können, um ein Haar beide unsanft auf dem harten Asphalt gelandet wären. Ein Moment des Verschnaufens, des Sich-Sammelns, bis wir wieder zielsicher geradeaus gehen können, dann Hand in Hand in den Bus hinein, ein kleines Lächeln, das in den etwas müden Augen des Fahrers für einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Moment aufblitzt. Wir sitzen ganz vorne, weitere Fahrgäste gibt es nicht, zumindest noch nicht. Und Deine Hand, Deine Hand halte ich noch immer in der meinen. Zu bemerken scheinst Du es gerade nicht und ich bin froh darum, hätte sonst Angst, Du könntest sie rasch wieder zurückziehen, so als wäre es unbedacht oder gar ein Fehler gewesen, der Dir, oder gar uns beiden, unangenehm werden und unser vorheriges Schweigen als riesiges Missverständnis entlarven könnte. Längst endgültig Nacht geworden, geht es in der Dunkelheit auf kurvenreicher Strecke stetig hinab, immer tiefer und tiefer in jene Stadt hinein, die uns noch vor wenigen Minuten zwar riesig, doch auch wie eine unwirkliche Miniatur, in die man mit bloßen Händen hätte hineingreifen und sie frei nach Belieben umgestalten können, vorgekommen war. Nun aber, den Blick nach draußen gerichtet, verlieren wir vielleicht den Überblick über das große Ganze, doch ist es auch, als würden wir in einem Buch blättern, erst jetzt den wahren Inhalt erfahren, denn manches mag sich zwar aus der Ferne beobachten lassen, doch zum Fühlen müssen wir schon näher kommen. Und diese Fahrt, immer tiefer in all das Lebendige hinein, ist für diesen Moment meines Lebens so vollkommen, dass ich nirgendwo sonst auf der Welt lieber sein möchte als hier mit Dir, in der Stadt, die Deine Heimat ist, ein jeder nun den eigenen Gedanken nachhängend, sich vielleicht insgeheim auch fragend, was noch sein wird, an diesem Tag, der längst Nacht geworden ist. Dann drückst Du, ganz leicht und kaum spürbar, meine Hand und rückst dabei, gerade so viel, wie es die sperrigen Sitze und unser Kennenlernen zulassen, ein wenig näher. Ich glaube, wir verlieben uns; und damit ist von jetzt an nichts mehr Zufall. Das Spiel beginnt, die Zeit steht nicht länger still und wir haben wenigstens für den Anfang das Unentschieden hinter uns gelassen, eine erste Richtung eingeschlagen. Noch sind wir Sieger; und was morgen einmal ist, werden wir als allererste erfahren.
II | Sehnsucht
Früh am Morgen, noch ist es dunkel draußen, auch wenn mir das weniger der Blick in die Straßen hinein als zum Himmel hinauf verrät, nehme ich eine der Elektrischen in Richtung Wienerwald aus der Stadt hinaus. Selbst die Dämmerung scheint heute ein wenig verschlafen zu haben und fällt viel länger zurück, als ich es angenommen hätte. Doch ich bin froh darum, bleiben damit die wenigen, die wir bereits unterwegs sind, vorerst Unbekannte. Schatten vor uns selbst, und Schatten vor den anderen. Ohnehin, ich mag sie fast zu sehr, diese letzten Augenblicke der Nacht, eigentlich weder so richtig Nacht noch Tag, dass ich schon fürchte, süchtig danach geworden zu sein. Es ist ein unbestimmtes Dazwischen, das mir Raum gibt, so als könnte ich noch frei darüber entscheiden, wer ich heute sein wollte, müsste mir nur rasch, zwischen Tür und Angel stehend, überlegen, was ich anzuziehen oder in welche Richtung ich aufzubrechen hätte. Um mich herum scheint man es dagegen eilig zu haben, hat sich längst entschieden, ein jeder ein festes Ziel vor Augen, das es besser heute als morgen noch zu erreichen gilt. Ich dagegen habe die Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagt, bewege mich mit einem Anflug von Neid, ihrer Entschlossenheit wegen, fast ziellos durch sie hindurch, stelle mir mein Voranschreiten beinahe wie einen unsichtbaren Tanz vor, eine Choreographie, bei der ich möglichst berührungslos durch sie, und überhaupt alles andere an diesem Morgen, gleite. Immer mindestens einen Schritt, eine Bewegung muss ich ihnen voraus sein, muss vor- oder zurücktreten, mit einem lautlosen Satz zur Seite weichen, bevor sie auch nur den Gedanken daran gefasst hätten, nicht dasselbe aber doch das gleiche zu wollen. Ich gehe abwartend und doch bestimmt dazwischen umher, gerade so, dass ich bloß niemandem zu nahekomme. Gerade so, als wäre ich eigentlich gar nicht da und es wäre mein erklärtes Ziel, dass sich später einmal unmöglich jemand an mich erinnern könnte. Ich, der ich doch eigentlich inmitten und an ihrer Seite gewesen war; auch wenn ich mich mehr und mehr frage, ob wir das überhaupt haben, Seiten, an denen wir sein können, wenn wir doch kaum dieselbe Sprache beherrschen, geschweige denn in derselben Welt zuhause scheinen. An der vorletzten Station angekommen, froh darüber, nicht versehentlich eingeschlafen und selbst von dieser einfachen Aufgabe überfordert gewesen zu sein, steige ich an der vorletzten Station aus und wärme mich im Vorraum für einen Moment auf, während die durch das Auf und Zu der Türen gelegentlich hereinströmende Luft bereits eine Vorahnung auf den Wintertag gibt. Dann trete ich selbst ganz hinaus. So weit draußen, das Zentrum allenfalls als eine Ahnung in der Ferne zurückgeblieben, liegt die ganze Stadt nun still und kalt auf meiner Haut, bleibt mit ihrem anfänglichen Trubel in der Station und den darin verborgenen Adern zurück. Ich vergrabe meine Hände tief in meinem Mantel und bin ebenso still wie aufmerksam für alles Beständige um mich herum. Ein wenig ehrfurchtsvoll betrachte ich die großen, herrschaftlichen Häuser links und rechts der Straße, durch die ich schon nach kurzer Wegstrecke spaziere. Ein jedes anders, ein jedes mit Facetten, die mir nun erneut, oder manchmal auch erstmalig ins Auge fallen. Unwahrscheinlich ist es freilich, dass ich jemals eines dieser Häuser bewohnen, noch überhaupt das nötige Innere für ein solches Leben aufweisen werde. Aber das hindert mich nicht, spornt mich vielleicht, Träumer wie ich mich wähne, sogar dazu an, mich bei einem jeder dieser schmiedeeisernen Tore, den von Efeu umrankten Fenstern, kunstvollen Giebeln und Mansarden wie auch vereinzelten Türmchen oder gar Sternwarten, zu fragen, wer wohl darin leben mag. Regelrecht Sehnsucht verspüre ich danach, zu wissen, wie es wohl gewesen wäre, selbst in einem dieser von Jahrhunderten eingerahmten Zimmern gelebt zu haben. Erst eine Kindheit, dann die Jugend, überhaupt ein übliches Leben darin verbracht zu haben, auch wenn gar nicht so genau sagen kann, wie ein übliches Leben nach meinem Dafürhalten wohl aussähe. Vielleicht eines, bei dem ich einst mit Dir, als meine erste richtige Verliebtheit, ein wenig zaghaft, fast verschämt, auf einem weiten Bett vor großen Fenstern beieinander gelegen, wir einander erst zögerlich, dann gelöst von Schulfreunden und Familie erzählt hätten. Novemberregen, der leise davor fiele, sich Tropfen für Tropfen sachte auf dem Fenstersims sammle, während wir einander insgeheim längst wieder verloren hätten. Nur der Blick hinaus, der bliebe ewig, hinein in den etwas verwilderten Garten, der dem Betrachter, gerade weil ein wenig unklar bliebe, wo Anfang und Ende genau sein könnten, immer weitläufiger schiene, als er es tatsächlich wäre. Ringsherum umstanden von einem groben, altertümlichen Gemäuer, doch nicht nur von Efeu dicht berankt, das auch fast schon die gesamte Rückseite des Hauses einzunehmen wusste, so als wäre das für ein Haus aus einem Märchen unabdingbar, sondern auch von einem fast undurchdringlichen Streifen an Gebüsch begleitet, das schließlich in einen etwas vernachlässigten, doch ausgedehnten Rasen, längst mit der Zeit mehr zu einer Wiese geworden, überginge. Darin verstreut, eine Handvoll knorriger Obstbäume unter denen man beim Barfußgehen den Kopf einziehen müsste, eine etwas vom Haus verlagerte, durch einen Kiesweg mit ihm verbundene Gartengarnitur, ferner mindestens ein Korbstuhl, verstreut, mal unter den Bäumen, mal an einem der Blumen- und Gemüsebeete scheinbar achtlos, überrascht von einem plötzlichen Schauer, zurückgelassen. Und da hinten, ganz da hinten im etwas abschüssigen Gelände, auch hier längst zu Mannshöhe angewachsene Büsche, überwiegend Haselnuss womöglich, und eine Handvoll weiterer, wesentlich älterer Bäume dazu, Buchen und eine einzelne Tanne, denen nur die dahinter verborgene Mauer Einhalt geböte und auch einen baufälligen Schuppen zu beherbergen wüsste. Aber was hier ist, sähe nur, wer sich bis dorthin aufgemacht hätte, um weniger alles zu über- als zu durchblicken, wäre etwa das vormals doch stattliche Haus von hier hinten kaum noch zu sehen. Sommerdürren, die den Obstbäumen das Leben schwer machten, Herbststürme, die Jahr um Jahr an den großen Bäumen zerrten, sodass ich, einmal an Vergänglichkeit erinnert, immer ein wenig um sie fürchten müsste. Immer dann, wenn ich etwa meinem Vater bei seinem alljährlichen Laubaufsammeln zugesehen hätte. Er, der zwar noch beim samstäglich-gemeinsamen Frühstück darüber gemosert, doch insgeheim Gefallen daran gefunden hätte, nun mit den Händen zu arbeiten, den modrig-feuchten Geruch von Herbstlaub wahrzunehmen, hier und da einen längst verschrumpelten Apfel vom Boden aufzulesen und schwungvoll ins nächstgelegene Gebüsch zu befördern, statt immer nur in Akten zu blättern, meist damit beschäftigt, Familie und Wohlstand, vielleicht ein- und dasselbe für ihn, zusammenzuhalten, so als ginge das am besten mit einer nicht enden wollenden Flut an Formularen, Auszügen und Einschreiben. Vielleicht hätte er, wie er dort, etwas vom Alter gebeugt, in der Herbstluft stünde, für einen Moment sogar hier heraufgesehen, wäre selbst zu einem geworden, der in die Fenster anderer blickt und dabei seiner Jugend gedenkt. Gerade lange genug, bis es ihm bewusst geworden und er es, eine Spur zu rasch, zu bestimmt und von einem fast spöttischen Schulterzucken begleitet, als Flausen abgetan und sich wieder seinem Garten zugewandt hätte. Dem Garten, den er aus irgendeinem Grund eigentlich immer nur dann wahrzunehmen schien, wenn es gerade Spätherbst geworden war. Flausen, die er von mir, dem seiner insgeheimen Meinung nach etwas missratenen, zu verträumten Sohn, nur zu gut gekannt und viel zu oft schon lautstark verteufelt hätte als dass wir, wie die Leute sagen, ein sonderlich gutes Verhältnis gehabt hätten. Das alles aber eine Träumerei, sicher, doch eine, der ich mich jetzt gerne hingebe, damit ich mich weniger an einsame Reisen erinnern muss, in denen es mir kaum anders ergangen war, ich mich wunderte, wo nur mein eigenes Leben abgeblieben war, während scheinbar unzählige andere vor dunkelblauen Nachthimmeln hinter hell erleuchteten Fenstern lautlos und schrecklich distanziert an mir vorübergezogen waren. Leben, die mir nicht weniger verheißungsvoll, nicht weniger leuchtend als deren Fenster schienen und von denen mir doch nur eines blieb: dem Blick zu ihnen hinauf, gleich einem Kind, das ebenso staunend wie wartend zu einem Erwachsenen hinaufsieht, dabei nichts und doch alles begreift. Mein Leben hätte ich für eines dieser anderen gegeben, so hatte sich das angefühlt, während ich berührungslos weitergezogen war und dabei zwar am Leben blieb, doch dem eigenen. Später dann, einmal älter geworden, war mir, als wäre ich selbst allenfalls vereinzelt Gast im Leben anderer gewesen, hätte nach einem verfrühten und etwas unbeholfenen Abschied noch einen letzten Blick zurückgeworfen, einen letzten Gedanken rasch zu Ende gedacht, den unser Gespräch in mir auszulösen wusste, um dann das Tor hinter mir zu schließen und von dannen zu ziehen. So, als bliebe von meiner Jugend, überhaupt all den Jahren, nur noch die Erinnerung an unüberbrückbare Distanz; und an das, was es nicht gab. Die Erinnerung daran, schon damals nichts rechtes zum Erinnern gehabt zu haben; es sei denn die Erinnerung an Träume könne als solche gelten. Und doch, sage ich mir jetzt, vielleicht in einem Anflug von kindlichem Trotz, sollte ich all das nicht wichtiger nehmen, als es das in Wirklichkeit ist. Dass ich das Menschliche menschliches sein lassen müsse, ein wenig abseits, ebenso nur eine beliebige Träumerei von unzähligen, denen ich zwar nachgehen könne, doch keineswegs auch zwingend müsse. Denn welcher vernünftige Mensch, Herr seiner Sinne, könne das schon von mir verlangen; oder gar für und von sich selbst wollen. Träumereien, nicht mehr als das, aber vielleicht auch nicht weniger; und dieses nicht weniger, längst mit den Jahren mehr Zweifel als Verheißung geworden, wiegt manchmal unerwartet schwer, schwerer sogar als ich es bei Luftschlössern für möglich gehalten hätte. Und es ist mir ein Rätsel, dieses Gewicht, des ein hinter jeder Ecke lauernden großen Was-Wäre-Wenn, genährt aus den trüben Untiefen von Sehnsucht und Reminiszenz, nicht weniger, wie es mir ein Rätsel ist, ob nicht links und rechts des Weges vielleicht doch ein ganz anderes Leben auf mich gewartet hätte, ich nur, viel zu unachtsam, viel zu sehr in den immergleichen Grübeleien und Gedanken versunken, daran vorübergegangen war. Oder dass es das unberührte Leben höchstselbst gewesen wäre, dass es schlicht vorgezogen hätte, im Dunkeln zu bleiben, statt sich mir erkennen zu geben, weil ich es nicht verdient gehabt hätte, dass es in mir aufginge, es viel lieber irgendwo, zwischen gestern und heute, ungelebt verglühe. Doch, fürchte ich, bleibt selbst die Antwort darauf unbekannt.
Wenig später, mittlerweile im menschenleeren Park angekommen, der fast nahtlos hinter diesen Häusern meiner Träumereien und einem, dem Park zugehörigen, mehr als mannshohen Gemäuer, seinen Anfang nimmt, steige ich zwischen großen, wie nach einem Lineal geradegewachsenen Buchen stetig den Hügel hinauf, sehe nur hier und da die im aufgewühlten Laub typischen Spuren der hier heimischen Wildschweine. Wildschweine, die ich selten zu Gesicht bekomme, doch umso häufiger höre, wenn sie aufgeregt, von mir aufgeschreckt, durch den Wald stoben. Meine Gedanken dagegen sind ruhiger nun; und mein Atem wirft kleine Wolken in die kalte Morgenluft, während ich vielleicht nicht außer Puste bin, doch ein wenig anstrengend ist es trotz Kondition schon. Und ich liebe sie, die Kälte dieser Tage, besonders in solchen Momenten. Es ist eine Klarheit in ihr, die mich ungewohnt lebendig fühlen lässt. Es gibt Momente meines Umherstreifens, da genieße ich selbst das Frieren, den leichten Schmerz auf meiner Haut, die fast tauben Finger, die ich vor meinem Gesicht dann und wann zu einer Mulde forme, um ihnen wieder etwas Leben einzuhauchen. Immer dann, wenn es kalt genug ist, scheine ich alles in und auf mir zu spüren, alles um mich herum scheint endlich einmal Wirklichkeit und nur für mich entstanden zu sein. Am höchsten Punkt angekommen, ganz in der Nähe weniger Birken und einer Schutzhütte, in der ich manchmal, von plötzlichen Regenfällen überrascht, schon dankbar Zuflucht gefunden hatte, halte ich inne, die Stadt liegt nun vor und unter mir, darüber ein Himmel, der heute nur schwerlich nach einem auszusehen vermag. Grau in Grau. Es ist niemand hier, doch noch immer bin ich froh darüber, denn nichts habe ich weiter vor heute, genüge mich schlicht am Einsamsein. Die Stadt, sicher, sie liegt vor mir, hunderttausende Menschen darin, doch keinen einzigen, den ich darunter kennen könnte. Auch sonst gibt es niemanden, an den ich denken wollte, gleich in welchen Teil der Welt oder Zeit verstreut, denn selbst die wenigen, die ich mir einmal vertraut glaubte, sind mir fern, sind kaum mehr als Namen im Abspann eines Filmes, den ich nicht gesehen oder längst wieder vergessen habe. Selbst meine Erinnerungen scheinen mir, hier in der Kälte, auf einmal fremd. Auch wenn ich weiß, dass sie irgendwo versteckt sind, da sein müssen – gerade hier, in dieser Stadt, die lange Zeit ein Teil von mir war, gerade heute an diesem Tag, der fast als ein Jahrestag für Dich und mich gelten kann – gelingt es mir nicht, sie auferstehen zu lassen. Es ist, als müssten sie in Wirklichkeit einem anderen gehören, einst einem widerfahren sein, der sie mir in einem allzu vertrauten Moment, vielleicht beschwipst von einem Glas schweren Weines, gemeinsam einsam in echten wie falschen Reminiszenzen schwelgend, über den Tisch hinweg mitgeteilt hatte. Irgendeinem anderen, als jenem Menschen, der ich stumm an diesem Ort weit über der Stadt stehe und aus mir hinausblicke. Mich erfüllt ein Anflug von vager Traurigkeit, Melancholie vielleicht, doch ist es ein Anflug, von dem ich weiß, dass ich ihn, und überhaupt diesen etwas seltsamen Augenblick, später einmal vermissen werde. Es gibt Tränen, die ich mir nur deshalb wünsche.
Kaum eine Stunde später, erst den Hügel hinab und am alten Jagdschloss vorüber, dann aus dem Park hinaus, der, auch hier von einem breiten Tor und Mauer eingerahmt, zwar hinter mir, doch noch immer in Sichtweite liegt, muss ich nicht lange auf eine Fortsetzung warten. Hier, an seiner Endhaltestelle und zugleich ersten Station, steige ich nicht selten als einziger Fahrgast einem Bus, der sich in Richtung Stadtinneres aufmachen wird, zu. Auch heute ist es nicht anders und ich grüße den Fahrer knapp, aber so freundlich wie mir möglich, habe ich mir das allen öffentlichen Angestellten gegenüber angewöhnt. Eine kleine Geste, vielleicht hier und da auch ein Moment des Erkennens. Eine Gemeinsamkeit ohne dass es unter Einsamen tatsächlich so etwas wie Gemeinsames geben könnte. Wieder ziehen Anwesen vor meinen Augen vorüber, doch schneller jetzt, als noch am frühen Morgen und es bleibt wenig Zeit für Träumereien. Anfangs sind sie nicht minder herrschaftlich wie scheinbar verlassen, später dann, je tiefer wir in die Stadt vordringen, immer gewöhnlicher, liebloser, beinahe schon banal, so als hätte man verlernt wie Häuser zu bauen sind, dass sie zu mehr als bloßen Unterkünften, einfachen Dächern über den Köpfen würden. Trotzdem, auch ihren Anblick werde ich nicht leid, gleich wie häufig ich hier bereits entlanggefahren sein mag, bin ich vielleicht selbst bei einem jedem Mal ein klein wenig ein anderer, könnte mich mit einem Wiedererkennen hier und da leichter meiner selbst vergewissern; und auch einer Vergangenheit, auch wenn diese nicht in Stein verewigt wurde und allenfalls so weit zurückreicht, um ungefähr zwischen gestern und heute zu unterscheiden. Bei meinem baldigen Umstieg, zwischen den Kiosk und hier kreuzenden Straßen auf eine der Bahnen wartend, den Verkehr und die ebenfalls wartenden, fast stoischen Gesichter um mich herum, lüftet sich zu unseren Köpfen unerwartet die graue Wolkendecke von der wir schon geglaubt hatten, sie bliebe nun für immer so, eine Tristesse, dort oben festgezurrt. Ich blicke sofort hinauf, sehe tiefes Blau zwischen den Wolken, und die Sonne berührt für den Bruchteil einer Sekunde mein Gesicht. Ich spüre die zaghafte Wärme, doch darunter noch immer die Kälte meiner zurückliegenden Unternehmung. In diesem Moment, diesem Kontrast und als Ruhe selbst, habe ich das Gefühl, wirklich nur im hier und jetzt zu sein. Ich bin nicht sonderlich aufmerksam für die Passanten um mich herum, ihre Gesten, Gespräche und Eigenarten, die sie an den Tag legen, Beiwerk, zwingend erforderlich und doch beliebig wie sie für eine jede Stadt auf der Welt sind, aber für alles andere, das ich unter und auf meiner Haut spüre. Ich nehme wahr, was ein Teil von mir ist, sehe mich selbst, und das Äußere. Ich sehe einen Mann, nicht alt aber auch nicht mehr ganz jung, der alleine ist und alleine sein wird, der auf einer Bank sitzt und insgeheim gar nicht auf einen Anschluss zu warten scheint, denn besser als jetzt gerade wird es kaum werden, Sonnenstrahlen auf der Haut, die kühle, etwas städtische Luft in der Lunge. Wenn ich könnte, ich würde vielleicht sogar für einen Moment schmunzeln. Und ich bin zeitlos, bleibe einfach weiter still hier sitzen, während sich die Welt um mich bewegt, immer weiter und weiter, selbst wenn es nur im Kreis ist, und ich, wie in einem Karussell, ruhig in der Mitte als ein Anker verbleibe. Ich bin zwischen dem einen und anderen, weniger meinem frühmorgendlichen Aufbrechen und der noch ausstehenden Heimkehr als einer Heimat, die es für mich nicht mehr gibt, und einer Zukunft, die ich noch nicht so recht gefunden habe. Doch dieses Nirgendwo, gestrandet zu sein zwischen Häuserschluchten und den Verkehrsadern, die diese Stadt durchziehen und damit erst für mich begreifbar machen, ist mir stattdessen ein Zuhause. Ich möchte am liebsten für immer so sitzen, jeden Menschen und jedes Gefährt an mir vorüberziehen lassen, nur um dieses Gefühl nicht zu verlieren, bloß keinen Schritt vor den anderen zu setzen und weiß doch, dass es kein für immer gibt, im Leben kaum je etwas genug wäre, um bestehen zu bleiben. Doch noch, ob nun für Sekunden oder Minuten, bin ich Gegenwart; und ich versuche mich weiter daran festzuhalten wie an das stille Andenken an einen Traum, an den ich mich bei meinem Aufwachen ganz verschlafen erinnere, ihn am liebsten umfassen würde, gleich meiner Bettdecke, die mir nicht minder ein Gefühl von Geborgenheit zu geben versteht. Alles Äußere bewegt sich, und alles Innere steht still. Alles ist nichtig, und alles ist sich selbst genug. Es ist; und ich bin. Das allein ist Glück für mich. Und dieser Mann, der da sitzt, ein wenig windschief auf seiner Bank, zwischen dem Burschen und der alten Dame mit dem Blumenstrauß – das bin ich; und wenn nicht ich, dann doch zumindest einer von mir.
Wir alle aber, die wir träumen, erleiden irgendwann Schiffbruch; kein Traum der Welt vermag das Leben.
III | Erinnerung
Ein Rätsel ist es mir, dass ich ausgerechnet hier, beinahe am anderen Ende der Welt angelangt, um mich herum die tiefste Stille, die ich je erfuhr, daran denken muss. Mein Blick reicht dutzende, vielleicht sogar hunderte Kilometer in jede Himmelsrichtung, doch entdecke ich keinen einzigen Menschen darin, sehe keine Straße, kein Haus, nicht einmal etwas anderes als Wolken am Himmel. Ich sehe nichts außer mir selbst, zumindest dann, wenn ich jetzt an mir hinunterblicken oder nach meiner Nasenspitze schielen würde,- und der Steinwüste, die mich umgibt. Wenn Zivilisation existiert, dann besteht sie für den Moment scheinbar einzig aus mir. Und doch erinnere ich mich, lebhafter denn je zuvor, an jene Februarmorgen, die ich stattdessen bis vor wenigen Jahren noch in Wien verbrachte. Etwas in mir verlangt danach, hat die Vorstellung in mir geweckt, diesen Ort meiner Vergangenheit zu erkunden. Ich weiß nicht, ob nur in vagen Erinnerungen, die hinter meinen Augen vorüberziehen; oder gar als eine künftige Wirklichkeit vor ihnen. Ich sehe mich wieder still und ein wenig zu nachdenklich auf zahllosen Parkbänken sitzen, die mir seinerzeit, eine wie die andere, ein Zuhause gewesen waren. Sehe mich aus den Fenstern der Elektrischen auf alles flüchtig Vorbeiziehende blicken, so als wäre ich zufällig in den Vorstellungen eines Kinos gelandet, das immer geöffnet hat. Sehe mich als einen Fremden durch Fremde bewegen, in starre Gesichter blicken, die mir nichts sagen, aber auch gar nichts sagen wollen, so als hätten sie Münder, die zum Sprechen nicht gemacht wären. Etwas in ihnen, wie auch in allen anderen Bildern und Eindrücken meines Umherstreifens in der Stadt zu suchen, von dem ich weder weiß, was es ist, noch ob ich es überhaupt erkennen würde, läge es tatsächlich einmal vor mir. Vielleicht, wenn ich gerade in einem Café säße, den Blick von einem Buch, Pessoa wahrscheinlich, gedankenverloren anhöbe und auf mein eigenes Spiegelbild in den Fensterscheiben heftete, doch meinen Gegenüber darin für einen Unbekannten hielte. Oder wenn ich an nasskalten Tagen unter altersmüden Kastanien am Ufer der Donau spazieren, ins alljährliche Hochwasser der Schneeschmelze sähe, mit jedem Baumstamm, der stumpf gegen die Brückenpfeiler stieße, zusammenzuckte, so als könnte mit einem Einsturz dieser, wenn nicht gleich die ganze, so doch meine eigene Welt in den Fluten verlorengehen. Ich sehe mich in dieser Stadt, ahne mich darin, nach einer Weile, wenn nicht schon immer, mir selbst fremd geworden zu sein. Ich gehe ein und aus, in der Welt und in mir selbst, mich fragend, was wohl geschähe, wenn ich einmal zu oft aus dem einen in ein anderes gewechselt wäre. Manchmal, wenn es mich gerade nicht bis in die Ferne trug, war ich erkannt worden, zumindest war es das, was man mir, nicht selten viel zu vertraulich, von falscher Offenheit und einem allzu gewollten, fast spöttischen Lächeln begleitet, zu sagen pflegte, ungeachtet dessen, ob ich es überhaupt hatte erfahren wollen. Doch wie, fragte ich mich dann immer, wenn ich mir selbst ein Rätsel, ein Unbekannter geblieben war; auch wenn ich diesen Zweifel niemals auszusprechen wagte. Einer, der auf Lebzeiten zum Schauspielern verpflichtet war, in jedem Moment nur das Äußerste seines Inneresten sein durfte. Einer, der alles vorgeben und dabei doch nie sich selbst sein konnte. Ich spielte, wieder und wieder, nach einem Drehbuch voller Handlungen, das sich mir erst offenbarte, wenn der Vorhang fiel. Es gab keinen Applaus, blieb nur schrecklich dunkel und scheinbar selbstverständlich, dass auf immer unbekannt sein würde, ob ich meisterte oder scheiterte, dem Regisseur, gleich wer er auch sein mochte, Kopfzerbrechen oder Begeisterung zu bescheren wusste. Manchmal da war mir kurzerhand zumute, als wäre ich längst taub, könnte das Leben, so als müsste es mit jedem Herzschlag auch lautstark in den Adern pochen, nicht mehr hören. Nur, begriff ich schließlich, hat die Seele keine Adern; und schon gar kein Herz.
Ich verstehe, alleine wie ich unter diesem endlosen Himmel bin, zahlreiche Jahre zwischen damals und heute vergangen, dass mir vielleicht mein Inneres vage bekannt sein mag, nicht aber mein Äußeres. Mein Äußeres, das ich verteilte, auf die flüchtigen Augenblicke der Begegnungen mit der Handvoll an Menschen, die mir immerhin nahe genug standen, dass wir Worte miteinander gewechselt hatten. Doch selbst mühevoll zusammengefügt, sie alle einmal gemeinsam an einem Tisch sitzend, vielleicht weniger in gut gemeinter Reminiszenz als lästiger Pflicht, eines anberaumten Andenkens wegen, vereint, würden die von ihnen zusammengetragenen Bruchstücke nur irgendetwas ergeben. Irgendjemandem, der in seiner Unvollständigkeit und Gestalt nicht mehr oder weniger lächerlich wäre, als ich mir selbst vorkomme. Eine Vase, eilig zusammengesetzt aus Scherben, an der mehr fehlte als nach dem Auseinanderbrechen wieder gefunden, mühselig vom Boden aufgesammelt werden konnte. Und doch, frage ich mich, gerade weil so viel aufzufüllen geblieben wäre, was mich davon hatte abhalten können, mein Inneres nicht einfach in ein anderes Äußeres versetzt zu haben. Auf dass ich mich, als ein anderer, noch einmal selbst hätte erfinden, und vielleicht sogar glücklich werden können.
Ich las einmal, dass das Maß für Einsamkeit der Abstand zweier Schichten sei. Der Abstand vom Äußeren, zum Inneren. Zwischen mir, und den Kleidern, die ich trage. Und vielleicht auch ein wenig zwischen dem, was ich fühle, und dem, was ich sehe. Doch eine Einheit, die diesen Abstand quantifizieren vermag, gibt es nicht, müsste sie sich doch mindestens über die Orte unseres Lebens, die Zeit und unsere Erinnerungen erstrecken. Vielleicht aber sind wir es selbst, das Maß der Einsamkeit. Dass unser Leben kein Leben ist, sondern nur ihr Ausdruck. Wir, die wir nicht atmen, nicht fühlen, sondern nichts weiter als eine Einheit sind, die wir nicht begreifen, können wir doch unmöglich über uns selbst hinaus.
IV | Verlorenheit
In der Elektrischen sitze ich und blicke hinaus. Ich sage nichts, frage nichts. Gleich ist es mir, wohin sie fährt; und gleich ist es mir, wie lange wir schon unterwegs sind, erinnere ich mich ohnehin nicht an den Ort, an dem ich zugestiegen war, noch was mich dazu bewogen hatte. Dahinfahren will ich, bis ich auch alles andere vergessen habe. Alles lastet auf mir. Dass Erinnerungen wiegen können. Vorbeiziehendes. Die altersmüden Stiegen einer Station, die hinauf zu den bekannten und immer rege besuchten Museen der Stadt führen, der Aufstieg gesäumt von grünen und weißen Kacheln, ein Geländer aus verwittertem Holz, das ungefragt den Druck zu vieler Hände hatte auf sich spüren müssen. Dann, wieder an der Oberfläche angekommen, steinerne Brücken über dem Fluss, nur die geschwungenen Geländer aus Eisen, Gehsteige voller Menschen, dazwischen Radfahrer, hastende Boten und Lieferanten, ein Regenschirm, den der Wind rasch davonträgt ohne dass jemand nach ihm greifen wollte, nicht einmal ein Junge, der in einer der zahlreichen Pfützen unter kahlen Platanen spielte, bis ihn seine Mutter unsanft weiterzog. Darüber ein ewig grauer Himmel, der sich hin und wieder in gläsernen, allzu tristen, nahezu hässlichen Bürofassaden widerspiegelt. Kurz darauf, ein alter Flussarm, träges Wasser darin und ein einsamer Schwan, der ebenso reglos auf der Stelle treibt und auf etwas Bestimmtes zu warten scheint. Etwas ergreift mich, zehrt und zerrt schon seit geraumer Zeit an mir und zieht mich nun in Windeseile vollends hinab. Ich sinke immer tiefer und tiefer in mich hinein; meine Seele, das Meer. Und alles ist dumpf und trübe vom aufgewühlten Morast, angesammelt durch ein endgültiges Zuviel an ohne Sinn und Verstand verlebter Tage. Ich sehe stumm aus mir hinaus, mein Blick sucht verzweifelt, doch nichts von diesen Dingen will mir heute etwas sagen, nichts davon erkenne ich wieder und zu weit entfernt ist es auch. Niemand nimmt Notiz von mir, ich schlage ja auch nicht mit den Armen um mich auch wenn ich das müsste und fühle mich augenblicklich so mutterseelenalleine, dass nicht viel fehlte und ich meinen Nächsten um eine Berührung bitten würde. Eine Berührung mit dem Wirklichen, so stelle ich es mir vor, als könnte ich mich damit wieder zurück an die Oberfläche befördern. Ich atme langsam ein, und aus, und spüre stumpf den Schlag meines eigenen Herzens. Manchmal, wenn es für einen Moment aussetzt und ich wartend die Luft anhalte, frage ich mich, ob das nun das Ende ist; und wie lange mir noch bleiben möge, bis auch mein Denken zum Stillstand komme. Ich weiß nicht, ob ich traurig darüber wäre und auch nicht, ob es diese Verzögerung überhaupt gibt, doch wollte ich, dass wenigstens dieser letzte Moment nicht ungefühlt an mir vorüberginge, bliebe er wahrscheinlich der wichtigste aller. Wenn es denken könnte, würde es zu schlagen aufhören, habe ich einmal in einem Buch über das Herz gelesen, zumindest kann ich mir nicht vorstellen, wo ich es sonst hätte aufschnappen können, wenn nicht unter den Worten eines Einsamen, der Zuflucht im Schreiben suchte. Ich bereite mich langsam vor, versuche zu mir selbst vorzudringen, mir bestimmter und bestimmter Kommandos zuzustellen, doch sie verklingen lange ungehört, bis ich schließlich unbeholfen aufzustehen vermag und mich ein wenig holprig zu einem der Ausstiege begebe. Was ich nicht weiß, ist, ob ich zuvor wirklich nicht konnte oder nur nicht wollte, weil die Grenze verschwommen, vielleicht beides längst ein und dasselbe für mich geworden ist. Der Unwille, und das Unvermögen. Die Türen öffnen sich mit einem schrillen Ton und ich zwänge mich zwischen anderen Fahrgästen hindurch, hinaus auf den Bahnsteig, bin dort sofort umgeben von umhereilenden Passanten, bin umgeben vom Leben selbst. Und ich bin sogar froh darum, wenige Sekunden lang, in denen das alltägliche und immergleiche Schauspiel laut und hektisch auf mich eindringt und alles andere darunter zu ersticken scheint, doch sehne ich mich schon kurz darauf wieder zurück, zurück in diese seltsame Melancholie hinein, die nach nichts weiter verlangte und mich weder an Gestern noch Morgen denken ließ. Ich will in mir selbst verlorengehen, will aufhören etwas Wirkliches zu sein, außer dem, das da bis gerade eben noch ganz tief aus sich herausblickte und das eigene Herzklopfen, trotz oder gerade wegen seines Zögern und Zweifeln, zum eigenen Metronom auserkoren hatte, war es doch unter allem anderen noch das Vertrauteste. Mein unruhiges, doch für den Augenblick davon unbeirrt weiter voranschreitendes Herz, das sich unter dem dagegen gleichförmigen Surren der Elektrischen, dem gelegentlichen Knarzen und Rattern der Gleise wie Weichen, getrost einzureihen wusste, als gehörten sie trotz, oder gerade der etwaigen Widersprüche wegen, untrennbar zusammen, würden für immer so bleiben, während ich mich darüber in den Schlaf verlöre und schließlich, ganz sanft und ohne bedauern, aus der Welt verschwände.
Melancholie, sie ist, was im Stillen vom Leben, und uns selbst übrigbleibt. Nicht selten, vielleicht gerade auch dann, wenn es nicht viel scheint, was da vor und von uns selbst bestehen bleibt, ist sie auch das widersprüchliche Empfinden, ein anderes als das eigene Leben zu verspüren, dessen Wesen und Herkunft ungewiss, gänzlich erdacht und erträumt sein könnte. Unsichtbare Spuren das alles, die hin und wieder hervortreten, nach Aufmerksamkeit verlangen und uns zuweilen gar zu sehr zu fesseln wissen. Doch würden wir ihnen folgen können, verliefen wir uns schon nach kurzer Zeit, würden im Kreis umherirren und doch nur wieder zu uns selbst gelangen. Sie, die scheinbar im Nirgendwo beginnen und enden, deren Anfang und Ende wir vielleicht ebenso selbst sind wie dass wir zu der Auffassung gelangen könnten, dass sie auch darüber hinausgingen, hinein in etwas, das wir unmöglich fassen können, so als versuchten wir den eigenen Schatten einzufangen. Melancholie, das ist der rätselhafte Schatten, wenn es einmal still ist, in und uns um herum, der längstzurückgelassenen und niedagewesenen Leben, den wir, aller Anstrengungen zum Trotz, weder einholen noch abschütteln vermögen, der uns begleitet, wenn sonst nichts bleibt, und wir alleine, unendlich alleine mit uns sind.
V | Frühling
Aus dem Hausflur trete ich, schreite erst über den kargen Innenhof hinweg, dann an den zahlreichen Briefkästen vorüber, unter denen auch einer mit Deinem Namen ist und auf den ich einen letzten Blick werfe, dann auf die Rotensterngasse hinaus, die mir aus unerklärlichen Gründen mit einem jeden Mal, der ich hier zu Gast war, fremder erschien; und wohl auch fremd bleiben wird. Eine ältere Dame, einen Korb voll Wäsche in der Hand, grüße ich noch, deren Namen ich zwar nicht weiß, doch von der ich meine, sie längst vom Sehen zu kennen, Nachbarn wie wir gewissermaßen sind, nunmehr wohl waren. Es ist kaum Vormittag, die Glocken einer Kirche wenige Querstraßen weiter läuten zur Zusammenkunft, während die Türe hinter mir sachte ins Schloss fällt. Trotzdem schrecke ich auf, denn nun gibt es nicht nur kein Zurück mehr zu Dir, sondern jetzt verspüre ich es auch als zweite Gewissheit: es ist Frühling. Wieder. Es sind nicht einmal die Vögel, die, gleich in welchen Winkeln und Nischen sie sich hier zwischen den Häusern verstecken mögen, seit kurzem ihr morgendliches Zwitschern aufgenommen und von Tag zu Tag zu steigern wussten, nicht das Blau am Himmel, das auf einmal tiefer, so viel tiefer scheint, nicht die Sonne hoch oben zwischen den Dächern, deren Licht, wenn es doch einmal bis zu mir hinunter dringt, fast schon als warm gelten kann und auch nicht der Geruch, der neuerdings im lauen Wind durch die Straßen zieht und von dem ich nicht sagen kann, wo er seinen Ursprung haben könnte. Nein, in der Luft selbst liegt es, dass ich es mit einer mir sonst so fremden Gewissheit als unmissverständliche Botschaft spüren kann. Und jetzt begreife ich auch, dass ich es eigentlich längst seit Tagen wusste, aber doch nicht hatte wahrhaben wollen. Als wäre da Kälte in mir gewesen; und mir wäre gar nicht danach, dass sie und der Winterwind schon aus mir wichen. Vielleicht aus der einfachen Angst, ohnehin längst abgehängt worden zu sein. Jetzt, wo nicht nur Du, sondern auch alles andere um mich herum seinen lebhaften Gang aufgenommen hat, nur ich stehengeblieben scheine. Dass ich nicht für einen weiteren Frühling bereit bin, oder, bestenfalls, eben nur noch nicht, so als hinge ich allem schlicht etwas hinterher, bedürfe nur einer kleinen Atempause oder, besser noch, einem gut gemeinten Klaps auf den Hintern, auf dass ich in Fahrt geriete, im ewigen Zahnrad aus Zeit und Geschehnissen meinen Platz, gleich ob neu oder alt, fände. Doch ich spüre auch etwas anderes, nichts Äußeres, sondern Innigeres, als es ein Wind oder flüchtige Sonnenstrahlen je sein könnten. Auf einer Parkbank sitzend, gar nicht weit gekommen bin ich an diesem unseligen Frühlingsmorgen, beginne ich zu weinen. Ich weine lautlos, ich weiß nicht genau wieso, vielleicht der bloßen Vorstellung wegen, wie Du wenig später dann nach Hause kehren und mich in den Räumen, in denen ich vereinzelt an den Wochenenden, vor allem aber bis gerade eben noch, Dein Gast gewesen war, nicht mehr finden wirst, vielleicht nun, eine Tüte mit Brötchen, die Du noch eilig bei einem Bäcker um die Ecke geholt hattest und die für einen Menschen alleine viel zu reichlich ist, noch immer und nun etwas verkrampft in den Händen haltend, rasch die Stiegen gleich wieder hinab und auf die Gasse hinauseilen, Dich dort in alle Richtungen angestrengt umsehen, vielleicht sogar noch bis zur nächsten Straßenkreuzung laufen wirst,- doch überall vergeblich. Vielleicht aber auch einfach aus der Einsamkeit einer ganzen Seele heraus, so als wäre schon das für einen Menschen Grund genug und es bedürfe für ein anständiges Drama, einer aufgewühlten Seele, kaum zweier Menschen. Es dringt weiter aus mir hinaus, und meine Hände versuchen hilflos und verschämt mein nasses Gesicht zu trocknen. Ich habe die Kontrolle verloren, weiß nur nicht an wen genau, wenn nicht an mich selbst. Nach einer Weile dann findet der Ausbruch sein Ende. Nicht meines kläglichen Bemühens wegen, sondern wohl, weil es für den Moment genug war. Jetzt gelingt es mir auch meine Gesichtszüge zurechtzurücken, sie langsam zu ordnen, wie ich das sonst mit meinen Kleidern tue, nachdem ich aufgestanden war oder etwas zu hastig das Haus verlassen hatte. Doch das Geschehene hallt nach in mir, weit hinter meinem Gesicht, fern dieser Fassade, die gerade vergessen hatte, mir eine zu sein, mich um ein Haar noch verraten hätte. Fast wie ein Traum nach dem Erwachen fühlt es sich an. Eine Spur unwirklich, sicher, doch unmöglich zu leugnen. Ein Schatten, mein eigener Schatten, der sich gleichsam und still über mich und meine Schultern beugt. Vielleicht als ein Gedanke, das eigentümliche Bewusstsein, dass ich mich hinter meinen Augen immer häufiger selbst, und leider auch durch die Augen anderer sehe. Das allein genügt, und die Sonne verschattet sich mir; auch wenn ich mich rasch in einem Lächeln versuche und dabei vorsichtig nach allen Richtungen hin umsehe, um mich davon zu vergewissern, dass auch bloß niemand, noch am allerwenigsten Du, Kenntnis von mir und meinem abgelegten Gesicht nahm. Dann stehe ich auf, und lasse Stadt wie Leben hinter mir; aber vielleicht ist es auch umgekehrt.
Nein, kein Frühling. Winterwind, der jetzt, oder immerzu, in meinem Herzen weht.
2018/10/16 – 2018/10/26