Wenn ich gekonnt hätte,-
ich wäre nie geboren worden,
hätte niemals Sehnsucht verspürt.
Aus der sicheren Distanz heraus, betrachte ich nüchtern mein eigenes Dasein. Eines, das ich kaum selbst mehr ertrage; und doch nicht davon ablassen kann (oder nur noch nicht?). Ich bin regelrecht überrascht davon, mit welcher Faszination ich dies tue; und kann nur vermuten, dass es dieselbe Sensationsgier sein muss, die mich an anderen Menschen immer so ungemein angewidert hatte. Gleich einiger Passanten bleibe ich mit aufgerissenen Augen und einem breiten Lächeln im Gesicht am Straßenrand stehen. Mir ist dabei, als würde ich auf einen Obdachlosen hinuntersehen, der hilflos in seinem eigenen Schmutz gefangen liegt. Von einem Wagen angefahren, das Elend unweigerlich und unumkehrbar ins Bewusstsein hineinkatapultiert. Ich empfinde keine Spur von Mitleid; nur tiefe Abscheu, dass ich mir das selbst angetan habe. Dass ich mir angetan habe, am Leben zu sein. In einer Welt, in der ich schon fremd war, als ich meinen ersten Atemzug machte. Und ich verfluche sie, die mir diesen Klaps gaben, auf dass ich zum Leben erwache. Und ich lächle, doch in einen Spiegel kann ich längst nicht mehr sehen. Es muss Jahre her sein, dass mir das gelang und ich mir selbst in die Augen blickte. Mir graut vor diesem Anblick, denn ich habe Angst zu begreifen, dass mein ganzes Leben tatsächlich ungelebt an mir vorübergezogen ist. Ein Leben, das ich einzig dafür gehasst habe, dass es mir so viel bedeutet hat. Nicht einmal nach den Sternen habe ich gegriffen, wollte nur ein wenig von dem, was die anderen hatten. Nicht alles, ein wenig wäre lange genug gewesen. Stattdessen schien es, als hätte man mir die Hände gebrochen, und mich dazu gezwungen, mir bei meinem eigenen Verfall zuzusehen. Aus der Ferne, und mir doch viel zu nah. Entrückt, das ist das Wort, das es trifft, doch mir nicht hilft. Aber wenn ich gekonnt hätte,- ich wäre nie geboren worden, hätte niemals Sehnsucht verspürt. Ich hätte nicht einmal nicht Sehnsucht danach verspürt, niemals geatmet zu haben.
2022/08/25